Mit 66 Jahren – da kapiert man’s immer noch nicht

Von Ingo Schiweck

Uli Luciano hat mit seiner neuen Single „Ich versteh’s nicht“ einen Schritt zurück gewagt – zurück in die Geschichte der deutschen Popmusik, und auch zurück in seine eigene Historie.

Luciano kennen Eingeweihte als ehemaligen Drummer und Texter der Düsseldorfer Rockgruppe Sinclair. Die hatte sich in den 70ern einen Ruf als hervorragende Liveband erspielt und beim Hansa-Sublabel Der andere Song die LP „Rock Real“ (1978) veröffentlicht. Darauf: deutschsprachige Songs wie „Der kranke Punker“, „Disco-Fredi“ und „Ufo“. Die erste wurde zur letzten LP, als sich bei den Vorschußverhandlungen zur zweiten Platte ein Bier übers Hemd eines Hansa-Managers ergoß. Luciano mußte dann wegen einer Krankheit kürzertreten, die Band fiel 1981 – zu besten NDW-Zeiten – auseinander, nur um in den 1990ern noch mal kurz reaktiviert zu werden. Luciano arbeitete derweil als Hauptschullehrer, konnte aber nebenher auch mal bei den Kollegen Jürgen Drews und Herbert Grönemeyer Texte plazieren.

Das jetzt als Download erschienene und von Luciano selbst sprechgesungene „Ich versteh’s nicht“ (Kick-Media) wirkt wie eine Mischung aus Kraftwerk und Neuer Deutscher Welle. Die Musik stammt denn auch von Bodo Staiger – einst als Rheingold-Frontmann Elektropopper und NDW-Protagonist der ersten Stunde. Die Klänge sind elektronisch-sparsam, Lucianos Text ist dadaistisch-überraschend gedacht. Da jagen Matrosen Fencheltee im Gegenwind, während der Durchlauferhitzer einen Sohn gebiert. Da erfrieren verliebte Motorhauben im Heu, und Libellen entführen ein Bügeleisen. Im Refrain versteht Uli Luciano das alles nicht. Angesichts seines Alters – Luciano ist 66 – kann man davon ausgehen, daß das in diesem Leben auch nichts mehr wird. Dennoch: Der Retro-Song ist eingängig und macht Spaß.

Das Dusville-Urteil:
Download-Empfehlung!

Braun BNE001BK: Schön rechnen

Von Ingo Schiweck

Das berühmte Braun-Design: minimalistisch-funktional, mit potentiell beglückenden Farbakzenten, zu Hochzeiten seiner Zeit voraus. Klassiker des hessischen Unternehmens – heute Teil von Procter & Gamble – werden in den letzten Jahren gerne mal neu aufgelegt. So auch der Taschenrechner ET 66 (Typ 4776) aus dem Jahr 1987. Seit 2013 ist er als Braun BNE001BK wieder zu haben. Doch was taugt die schicke Replika mit der wenig eleganten Bezeichnung?

Zu Taschenrechnern greift man in der Regel, weil man muß, nicht weil man Lust drauf hat. Beim schwarzen Braun-Gerät (Design: Dieter Rams/Dietrich Lubs) ist das anders. Seine konvex gestalteten runden Tasten wollen den Fingerkuppen schmeicheln. Je nach Funktion sind die Tasten unterschiedlich gefärbt – damit soll auch das Auge bedient werden. Im Mathe-Unterricht braucht man mit dem Gerät nicht aufzutauchen, dafür sind die angebotenen Funktionen zu rudimentär – aber wer will sich auch von Mathematik die Lust am Braun verderben lassen?!

Die Arbeit mit dem neuen Braun ist ebenso problemlos wie die mit seinem Vorbild aus den designverwöhnten 80ern. Die neue Version hat sogar verglichen mit der alten das deutlichere Display. Dafür bieten die alten Tasten den klareren Druckpunkt als die aus der aktuellen Produktion. Die alten sehen auch wertiger aus: Hier wurde nicht einfach Plastik bedruckt, sondern man hat in den 80er Jahren noch zwei unterschiedlich gefärbte Kunststoffe für Taste und Beschriftung verwendet. Solche äußeren Unterschiede zwischen dem neuen und dem alten Braun fallen aber oft erst nach intensiver Betrachung der beiden in Fernost produzierten Geräte auf. So erkennt man beim neuen Rechner auch eine glatter erscheinende Oberfläche. Und auf dem BNE001BK ist das Braun-Logo in seiner aktuellsten, gerundeten Version zu sehen – vom ET 66 sowie von seiner Schutzhülle prangt noch das Logo aus den 50er Jahren.

Das Dusville-Urteil:
Wer einen PC oder ein Smartphone hat, verfügt auch über einen virtuellen Kalkulator. Wer dennoch für einfachere Rechenaufgaben des Alltags einen angenehmen und schicken Taschenrechner zum Anfassen sucht, ist mit dem Braun BNE001BK bestens bedient. Seinem Vorbild von 1987 zeigt er sich insgesamt keineswegs unterlegen. Und auch der Preis stimmt: Im Netz bekommt man ihn schon für 15 Euro. Den Haltbarkeitscheck zur Replika können wir aber leider erst in knapp 30 Jahren nachliefern.

Buch: Architektur ist unser Leben

Von Ingo Schiweck

Die Baukunst ist ein Pfund, mit dem das an Problemen nicht gerade arme Ruhrgebiet wuchern kann. Eine Kommune, die das schon relativ früh erkannt hat, ist Gelsenkirchen. Die Stadt von Schalke 04 und … Schalke 04 war in den 1980er Jahren unter den ersten, die lieferten, als feststand, daß eine Reihe von Ruhrgebietsstädten einen eigenen Architekturführer publizieren sollten. Die vom Strukturwandel gebeutelte Stadt hat auch schon längst insbesondere die Backsteinbauten der 1920er für ihre Öffentlichkeitsarbeit entdeckt. Jetzt ist ein Architekturband zur Baukultur in Gelsenkirchen erschienen – Titel: Hütte und Paläste. Das Buch, herausgegeben von der Stadt in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architekten, ist eine opulente Hommage an die Baukunst vor Ort. Großformatig kommt es daher, ausgestattet mit zahlreichen Farbfotos von Thomas Robbin, der im Hauptberuf Gelsenkirchener Stadtplaner ist.

„Architektur in Gelsenkirchen beginnt erst richtig in den zwanziger Jahren“, hieß es im GE-Architekturführer von 1985. Hütten und Paläste zeigt jetzt aber bewußt auch Highlights aus der Zeit davor, als Gelsenkirchen bereits Montan-Boomtown war und durch Zuwanderung sowie durch Eingemeindungen enorm wuchs. Da ist zum Beispiel die ab 1873 entstandene und bis heute gut erhaltene Bergarbeitersiedlung Am Eichenbusch/Hördeweg – aber auch ein Prunkbau wie das Rathaus des 1928 mit Gelsenkirchen verschmolzenen Buer von 1910–12 wird präsentiert. Die dann folgende Phase mit dem auch heute noch die Öffentlichkeit stark ansprechenden Backsteinexpressionismus ist mit zahlreichen Zeugnissen vertreten. Darunter befinden sich Alfred Fischers kürzlich etwas zu Tode modernisiertes Hans-Sachs-Haus (1924–27) und die inzwischen profanierte katholische Pfarrkirche Heilig Kreuz (1927–29) von Josef Franke im Stadtteil Ückendorf.

Die nach den Kriegszerstörungen dominierende und oftmals ungeliebte Architektur des Wiederaufbaus ist in diesem Buch deutlich unterrepräsentiert. Zum Beispiel findet sich keines der Gebäude eines Ludwig Schwickert in dem neuen Bildband. Umso stärker fallen die wohl berücksichtigte Altstadtkirche (1955/56) und die Friedenskirche (1957–59) des aus dem Gelsenkirchener Stadtteil Schalke stammenden Denis Boniver ins Auge. Beide moderne Sakralbauten gehen kreativ mit Backstein um. Bei der Friedenskirche ist zudem die enge Verwandtschaft mit Otto Bartnings legendärer runder Essener Auferstehungskirche aus den Jahren 1929/30 unverkennbar. Ganz am Ende des Buchs findet sich zum Glück auch Werner Ruhnaus kubisches Musiktheater mit seiner gläsernen Vorhangfassade (1956–59). Das Haus mit integrierten Kunstwerken von zum Beispiel Yves Klein und Jean Tinguely ist allein schon eine Reise ins Ruhrgebiet wert.

Eigentlich ist Nachkriegsarchitektur im Buch dann erst ab den 1990er Jahren wieder in größerem Umfang vertreten. Dabei kann der Leser einige Entdeckungen machen. Beispielsweise fasziniert die „Grimberger Sichel“ (Architekten: schlaich bergermann partner). Die sichelförmige Fußgänger- und Fahrradbrücke über den Rhein-Herne-Kanal hat eine Spannweite von circa 150 Metern und ist mehrfach preisgekrönt. Ebenfalls sehr inspirierend: die 2009–11 errichtete Zentrale von Mr. Chicken. Das durch seine großen Fenster angenehm transparent wirkende Gebäude des Büros ArchiFactory, an dem jeder vorbeikommt, der mit dem Auto von Süden her ins Gelsenkirchener Zentrum möchte, überrascht mit einer jeweils individuellen Form der gegeneinander versetzten Geschosse.

Das Dusville-Urteil:
Daß die 70 vorgestellten Objekte nicht chronologisch geordnet sind, kann irritieren, führt aber eben möglicherweise auch zu überraschenden Trouvaillen beim Blättern durch dieses wirklich empfehlenswerte Buch. Ein Lob verdienen die prägnanten Texte der Dortmunder Architekturhistorikerin Alexandra Apfelbaum zu den verschiedenen Zeugnissen der Baukunst. Sie ergänzen die tollen Fotos von Thomas Robbin hervorragend.

Stadt Gelsenkirchen (Hrsg.), Hütten und Paläste. Baukultur in Gelsenkirchen, avedition, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-89986-240-9, 216 S., € 39,–.

Diagnose: Expressionist

Von Ingo Schiweck

Erstmals seit den Ausstellungen von 1976/77 ist das Werk des Künstlers Paul Goesch (1885–1940) wieder ausführlich im Museum zu sehen – sogar zeitgleich an zwei Orten. Die Berlinische Galerie und die Heidelberger Sammlung Prinzhorn widmen dem Expressionisten, der einen großen Teil seines Lebens in Irrenanstalten verbracht hat, eigene Ausstellungen mit jeweils eigenem Katalog. Wir haben uns mit der aktuellen Goesch-Beschäftigung beschäftigt.

In den Jahrzehnten vor 1914 war vieles immer schneller und komplizierter geworden. Besonders in Westeuropa und den USA hatten sich die Menschen ungeheuren Entwicklungsschüben der Gesellschaft ausgesetzt gesehen. Technische Neuerungen wie Autos, Flugzeuge und Telefone hatten ihren Siegeszug angetreten. Die vermeintlich immer zivilisierteren Nationen konkurrierten indes zuerst um Marktanteile und Kolonialgebiete, bevor sich dann ihre jungen Männer von Laufgraben zu Laufgraben mit den neuesten Errungenschaften der Waffenschmieden und -labore duchbohrten, zerfetzten oder vergasten.

Nachdem schon der technologische Fortschritt nicht nur Begeisterung, sondern auch vielfach Überforderung hervorgerufen hatte, versetzte der technisierte Krieg der Psyche vieler Menschen vollends einen Schlag. In der Kunstwelt bekam damals der Expressionismus einen Schub. Das aufgewühlte Innere wollte expressiv nach außen – Kunst als „Ausdruck visionär geschauter Tatsächlichkeit“ (Paul Westheim). Der Unterschied zwischen „Kunst“ und „Krankheit“ wurde dabei zuweilen aufgehoben: Was ist Kunst? Was ist krank? Und ist der einzelne krank oder vielmehr die Gesellschaft? Fragen, die die Nationalsozialisten nicht nur mit Ausgrenzung, sondern mit Mordaktionen beantworteten, nachdem sie an die Macht gekommen waren und versuchten, aus einer pluralistischen Gesellschaft eine „Volksgemeinschaft“ zu machen.

Taut und Scheerbart als Zugpferde für eine Goesch-Schau

Einer, der das nicht überlebt hat, war Paul Goesch. Der 1885 in Schwerin geborene Goesch hatte Architektur studiert, war 1914 Regierungsbaumeister geworden und dann im westpreußischen Culm (Chełmno) in den Postdienst eingetreten. Dort blieb er bis 1917. Gleich zwei Ausstellungen, eine in der Berlinischen Galerie und eine in der Heidelberger Sammlung Prinzenhorn, rücken sein Wirken in den Jahren danach wieder in den Fokus. Interessanterweise heißt die Berliner Schau – und mit ihr der Katalog – Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch. Goesch schloß sich nach Kriegsende dem Arbeitsrat für die Kunst an, und er beteiligte sich am Briefwechsel der Gläsernen Kette. Spiritus Rector beider Kreise: Bruno Taut (1880–1938), ein großer Fan des phantastisch-skurrilen und dabei visionären Autors Paul Scheerbart (1863–1915). Taut war ein begnadeter Netzwerker, Erdenker großartiger, auf eine friedliche Welt zielender Architektur-Visionen in Kristall (Alpine Architektur), in der Praxis Erbauer des Kölner Glashauses und später moderner Berliner Siedlungen. Allen drei Künstlern gemeinsam ist ein mehr oder minder tragisches Ende: Pazifist Scheerbart stirbt ein gutes Jahr nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs – lange Zeit heißt, es er habe sich aus Protest gegen den Krieg zu Tode gehungert –, Tauts Leben endet nach einem schweren Asthma-Anfall im türkischen Exil. Und Goesch gilt unter den Nationalsozialisten zunächst „nur“ als entartet, wird 1940 aber im Rahmen des „Euthanasie“-Programms als „lebensunwertes Leben“ vergast. Also: Man kann die drei durchaus in einer Ausstellung vereinen. Aber: Es drängt sich der Eindruck auf, daß der Gigant Taut und sein inspirierender „Glaspapa“ Scheerbart in Berlin als Magneten benutzt werden. Paul Goesch traut man wohl zu wenig Attraktion zu! Dabei ist es doch ganz klar Goesch, der bei der Berliner Ausstellung und ihrem Katalog im Zentrum steht. Das gilt noch stärker für die Heidelberger Schau. Hier hat man aber ganz selbstverständlich auch ohne Umschweife den Titel Paul Goesch 1885–1940. Zwischen Avantgarde und Anstalt gewählt.

Goesch saß von 1917 bis 1919 in der Westpreußischen Provinzial-Irren-Heil- und Pflegeanstalt in Schwetz (Świecie). Er hatte unter anderem Angst, man würde ihn begraben und „als harmlosen Menschen“ wieder auferstehen lassen. Goesch beabsichtigte, König von Frankreich zu werden, und glaubte, die Gedanken anderer voraussehen zu können. Als sich sein Zustand besserte, zeichnete er am laufenden Band. Von den tausend Blättern, die entstanden, ging eine Reihe nach Heidelberg, wo der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn eine Sammlung von Werken „Geisteskranker“ aufbaute.

Etwas vom eigenen Leiden sichtbar machen

Nach seiner Entlassung plädierte Goesch alias „Tancred“ in einem Brief an die Mitstreiter in der Gläsernen Kette, der auch in Bruno Tauts Zeitschrift Frühlicht erschien, für eine schnelle, unbefangene Arbeitsweise, für ein liebevolles Eingehen auf vermeintliche „Verzeichnungen“. Das Unterbewußte des Menschen wolle „etwas ganz anderes […] als genaue oder wohlproportionierte Nachbildung“. Dem Instinkt des Schaffenden sei es wichtiger, etwas von seinem eigenen Leiden sichtbar zu machen. „Typisch expressionistisch“, denkt man, beim Lesen dieser Zeilen.

Buno Taut ließ Goesch 1921 (gemeinsam mit Franz Mutzenbecher) den Festsaal des Restaurants im von Taut entworfenen Ledigenwohnheim der Berliner Lindenhof-Siedlung ausmalen. Wände und Decke des Raums wurden zu einem atemberaubenden Farbenmeer. Bald darauf ging Paul Goesch als Patient in die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Göttingen, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Wechsel in die brandenburgische Landesirrenanstalt Teupitz im Jahr 1934 blieb.

Der gelernte Architekt, von dem kein eigenes ausgeführtes architektonisches Werk bekannt ist, hat zumindest in seinen Bildern viele Bauten oder Teile davon geschaffen. Besonders säulenartige Kreationen kehren immer wieder. Vieles macht einen exotischen, orientalischen Eindruck. „Typisch expressionistisch“ war Goesch zum Beispiel, als er einen Schrank gemalt hat, der jetzt in Heidelberg zu sehen ist. Das vielfarbige Möbelstück scheint zu brennen, scheint nur aus züngelnden Flammen zu bestehen, die nach oben wie bei einer heftigen Explosion wirken. Den endgültigen Abschluß bildet dann aber etwas, das ein rot-grüner Kristall sein könnte, ein Symbol für eine bessere Gesellschaft. Im Zentrum des Schranks: ein (der?) Mensch. Menschen beziehungsweise menschliche Gesichter sind Goeschs häufigstes Motiv gewesen. Die Köpfe hat er mal sehr fein gemalt, mal grob-fratzenhaft. Nur selten verrät uns ein Titel, an welche Person Goesch beim Zeichnen gedacht hat.

Berlin stellt im Katalog sehr schön Werke Goeschs Zeichnungen anderer phantastisch-expressionistischer Künstler gegenüber. Daß da teils ähnliche Motive auftauchen, verwundert nicht. Die meisten Berliner Bilder sind der Berlinischen Galerie 1978 von Goesch-Erben geschenkt worden; zu den eigenen Werken des Museums kommen Architekturvisionen aus dem Baukunstarchiv der Akademie der Künste. Die Sammlung Prinzhorn kann aus dem vollen schöpfen, weil sie aus der Familie im vergangenen Jahr eine Schenkung von über 350 Blättern erhalten hat. Der stärker als das Berliner Pendant auf den psychiatrischen Aspekt eingehende Heidelberger Katalog gliedert die Werke angenehm thematisch – ihre Interpretation scheint aber noch eher am Anfang zu stehen.

Thomas Röske, Leiter der Sammlung Prinzhorn, schreibt im sehr leserfreundlich gestalteten Heidelberger Katalog (der Berliner ist durch seine Zweisprachigkeit etwas unübersichtlich geraten), es sei höchste Zeit, Goesch als das anzuerkennen, was er offenbar immer habe sein wollen: ein „Künstler, der zur Kultur seiner Zeit beigetragen hat – gerade auch aus seiner Erfahrung mit der Psychiatrie“. Die beiden Ausstellungen, deren wirklich lesenwerte Kataloge einander gut ergänzen, bedeuten einen wichtigen Schritt in diese Richtung.

Berlinische Galerie. Museum für Moderne Kunst (Hrsg.), Visionäre der Moderne/Modern Visionaries. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch, Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2016, ISBN 978-3-85881-510-1 (Museumsausgabe: 978-3-94020-844-6), 199 S., 38,– € (29,80 €).

Thomas Röske (Hrsg.), Paul Goesch 1885–1940. Zwischen Avantgarde und Anstalt, Verlag das Wunderhorn, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-88423-539-3, 176 S., 29,80 €.

Die Ausstellung in der Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, ist noch bis zum 18. September, die in der Berlinischen Galerie, Berlin, noch bis zum 31. Oktober 2016 zu sehen.

Unser Bild (Gouache, Gold- und Silberbronze über Tuschfeder auf Papier) zeigt einen farblich überwältigend gestalteten „Festsaal“. Paul Goesch hat es 1921 gemalt. Das Original stammt aus den Beständen der Berlinischen Galerie und ist Teil von deren aktueller Ausstellung.

Buch: Die Paul-Schneider-Esleben-Häuser

Von Ingo Schiweck

So plötzlich, wie er da war, war er kurz vor Weihnachten auch wieder vom Tisch: der Vorschlag, das Düsseldorfer Mannesmann-Hochhaus in Richard-von-Weizsäcker-Haus umzubenennen. Was bei der kurzen, aber heftig geführten Namensdiskussion auffällt, ist daß der Name des Hochhaus-Architekten darin eigentlich nie erwähnt wurde. Vielen Düsseldorfern wird er auch gar kein Begriff sein. Dabei hat Paul Schneider-Esleben so viele markante Bauten in der NRW-Landeshauptstadt geschaffen wie kaum ein anderer Architekt.

Ein Buch rückt Schneider-Esleben und sein Werk in den Fokus. Erschienen ist es als Katalog zur kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung in München – der Düsseldorfer Architekt hat sein Archiv leider dem Architekturmuseum der TU München vermacht. Der 1915 geborene Sohn des Architekten Franz Schneider beginnt in den 1930er Jahren ein Architekturstudium, das aber durch den Krieg unterbrochen wird. Was folgt, ist Stoff für ein „Landser“-Heftchen: PSE, so sein späteres Kürzel, wird Flieger, gerät schwer verletzt in sowjetische Gefangenschaft, kann fliehen und sich schließlich zu den Eltern durchschlagen.

Viel wichtiger als das erlernte Kriegshandwerk: Eine Begegnung mit dem Architekten Rudolf Schwarz 1942 in Lothringen sowie Berichte über den inzwischen in die USA emigrierten Ludwig Mies van der Rohe und das Bauhaus erweitern den Horizont des sonst mit dem NS-Neoklassizismus konfrontierten Schneider-Esleben.

Nach dem Krieg nimmt er sein Studium wieder auf, das er mit Karikaturen finanziert. Als selbständiger Architekt baut er dann die beschädigte Kirche St. Bonifatius in Düsseldorf-Bilk wieder auf. Diesem Backstein-Bau seines Vaters von 1927/28 wird unter anderem eine Betonfassade mit bunten, dreieckigen Fensterchen verpaßt. Und schon nach wenigen Jahren der Selbständigkeit kommen richtige Knaller für das führende Nachkriegswirtschaftszentrum Düsseldorf – im Buch mit einem Thilo-Hilpert-Zitat auch als „heimliche Hauptstadt der Republik“ tituliert – aus Schneider-Eislebens Büro. Sie prägen nicht nur die Stadt, sondern sichern PSE auch seinen Platz in der Architekturgeschichte. Bereits 1951–53 wird seine Haniel-Garage an der Grafenberger Allee gebaut, ein Parkhaus für 500 Autos. Dabei handelt es sich um eines der ersten Bauwerke in Deutschland, bei dem das Stahlbetonskelett vollständig von einer gläsernen Vorhangfassade umgeben ist. Schneider-Esleben ist damals im Düsseldorfer Architektenstreit auf Seiten des Architektenrings Düsseldorf anzutreffen. Der kritisiert besonders die nahtlos an die NS-Zeit anknüpfende Planung und Personalpolitik von Friedrich Tamms, dem Leiter des Stadtplanungsamts. Die großen, autogerechten Durchbrüche à la Tamms sind mit vielen Parkplätzen an den Straßen zu kombinieren. Ein Parkhaus wie das von Schneider-Esleben in Düsseltal paßt nicht ins Bild. Tamms würde es denn auch am liebsten hinter einer Häuserzeile verstecken, was aber – zum Glück – nicht realisiert wird.

Was nun folgt ist ein kleines Best of der gestalterisch wie technisch anspruchsvollen Düsseldorfer Nachkriegsarchitektur mit internationaler Inspiration – und vor allem internationaler Strahlkraft: die neue Rochuskirche mit der eiförmigen Kuppel (1953–55), die Mannesmann-Hauptverwaltung als erstes Stahlskeletthochhaus der Bundesrepublik (1955–58), die Volksschule an der Rolandstraße mit Kunst von Beuys, Uecker, Mack und Piene (1958–61), das heute stark verwahrloste Commerzbank-Gebäude mit der Aluminiumfassade (1963–66) oder auch das leider schon wieder abgerissene ARAG-Terrassenhochhaus (1964–67).

Paul Schneider-Esleben stirbt 2005 im hohen Alter von 89 Jahren. Zwei Kuriositäten sollten zum Schluß nicht verschwiegen werden. Zum einen hat er der benachbarten Domstadt Köln (und der damaligen Bundeshauptstadt Bonn) ihren neuen Flughafen geschenkt (1966–70), zum anderen ist er der Vater von Florian Schneider-Esleben, der als Mitbegründer der extrem einflußreichen Düsseldorfer Kultband Kraftwerk Weltruhm erlangt hat.

Das Dusville-Urteil:                                                                                                    Das reich bebilderte Katalogbuch über Paul Schneider-Esleben steht am Beginn eines Forschungsprojekts. Prägnante Aufsätze zu einzelnen Themen werden kombiniert mit Beschreibungen besonders relevanter Objekte. Wünschenswert gewesen wären einheitlichere Angaben zum aktuellen Zustand von Gebäuden und zum Denkmalschutz. Und wenn man vermeintlich schicke Abkürzungen verwendet, dann bitte nicht die Bundesrepublik zum Bund Deutscher Radfahrer machen. Für Architektur- und besonders für Düsseldorfbegeisterte ist nichtsdestotrotz eine absolute Kaufempfehlung auszusprechen.

Die Dusville-Wertung: 9/10

Andres Lepik/Regine Heß (Hrsg.), Paul Schneider-Esleben. Architekt, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015, 208 Seiten, ISBN 978-3-7757-3998-6, € 35,–.

P. S.: Eine PSE-Ausstellung wird vom 21. Januar bis zum 24. Februar 2016 in Schneider-Eslebens seit dem vergangenen Dezember denkmalgeschützter Wuppertaler Stadtsparkasse (1969–73) gezeigt.

Düsseldorf: Ein Stern-Verlag verglüht

Von Ingo Schiweck

Was der Zweite Weltkrieg nicht geschafft hat, das ist dem Internet und der Wehrhahn-Linie gelungen: Das Buchhaus Stern-Verlag, Deutschlands größte Buchhandlung, schließt. Ende März 2016 ist es soweit, dann sperrt der Buchtempel an der Düsseldorfer Friedrichstraße (mit Außenstelle an der Heine-Uni) zum endgültig letzten Mal seine Pforten auf. Den Mitarbeitern, die ihren Job verlieren, ist jetzt ein Sozialplan vorgestellt worden.

Die Schließung war in Branchenkreisen schon länger erwartet worden, nur der Zeitpunkt konnte noch überraschen. Der Stern-Verlag versprüht im Innern den Charme der 1980er Jahre, als sich Buchhändler über die Digitalisierung der Medien noch keine Gedanken gemacht haben. Zwar ist das im Jahr 1900 gegründete und noch heute inhabergeführte Unternehmen schon 1996 in den Internethandel eingestiegen – das Ladengeschäft läßt sich damit aber nicht am Leben halten. Neben dem Online-Handel haben seit 2008 der Zuzug einer Kö-Renommierfiliale der Mayerschen Buchhandlung und eines Thalia-Buchladens (Düsseldorf Arcaden) Kundenströme vom Stern-Verlag weggelenkt. Die einst 8000 qm Stern-Verlagsfläche sind zuletzt auf „mehr als 5000 qm“ reduziert worden; in Teilen des Geschäftshauses wurden statt Büchern nun Teppiche angeboten.

Die kleinteilige Struktur der an sich riesigen Ladenfläche hat das Ihre dazu beigetragen, daß die Buchhandlung nicht überlebt: In vielen kleinen Abteilungen wird insgesamt mehr Personal benötigt als in wenigen großen. Ein langwieriger und teurer Umbau des firmeneigenen Hauses hätte sich nicht gelohnt, zumal die neue Düsseldorfer U-Bahn-Linie („Wehrhahn-Linie“) die Friedrichstraße ab dem kommenden Februar noch weiter ins Abseits rückt, als sie es bisher schon ist. Die WestLB-Abwicklung hat den Geschäften auf dieser Einkaufsstraße bereits viel kaufkräftiges Publikum geraubt – mit der Wehrhahn-Linie verschwindet der ÖPNV von der Friedrichstraße unter die Erde. Der Gedanke, mal kurz aus der Bahn rauszuspringen, um beim Stern-Verlag zu stöbern, hat sich damit praktisch erledigt. Die Umgestaltung der Straße mit lästiger Baustelle und weniger Parkplätzen nach Eröffnung der U-Bahn-Linie hätte weitere Umsatzeinbußen für die Buchhandlung bedeutet.

Was aus dem angeblich profitablen Bibliotheksgeschäft und dem Internethandel des Stern-Verlags wird, muß sich noch zeigen. Bereits 2013 ist in Köln (!) unter der Adresse des Fachliteratur-Beschaffers VUB eine „Buchhaus Sternverlag GmbH & Co. KG“ gegründet worden. Was da auch kommen mag: Düsseldorf ist auf jeden Fall im nächsten April eine kulturelle Attraktion, eine Institution ärmer.

CD: Wenn Mono Gefühle in Stereo provoziert

Von Ingo Schiweck

Mitte der 1990er Jahre habe ich bei Saturn in Düsseldorf die Mavericks-CD What a Crying Shame gekauft – ja, damals bin ich tatsächlich noch in einen Laden gegangen, um interessante Platten zu entdecken. What a Crying Shame war Liebe auf den ersten Track: „There goes my Heart, breaking in two, there go my eyes, crying over you …“ – großartiger Herzschmerz-Country.

Die Mavericks um ihren kubanischstämmigen Leadsänger Raul Malo hatten 1991, zwei Jahre nach der Gründung der Gruppe in Miami, einen Vertrag bei MCA Nashville bekommen. Das in den USA und Kanada platinveredelte What a Crying Shame (1994) war das dritte Studioalbum der Band und ihr bis dahin bestes. Das Tolle damals: Man konnte sich auf die nächste Scheibe freuen und wurde nicht enttäuscht, denn die mit der Bezeichnung „Countryband“ nur unzureichend beschriebenen Mavericks steigerten sich von Studioalbum zu Studioalbum. Geradezu überwältigend war 1998 Trampoline mit einem elektrisierenden Stilmix aus Latin Sounds, Pop, Gospel, Jazz und Country . Manche der Songs, wie I´ve got this Feeling oder To be with you, konnten sich mit dem Besten messen, was ein Elvis in seinen letzten Jahren aufgenommen hatte – oder ein Roy Orbison, mit dem der stimmgewaltige Malo oft verglichen wird. Der Partysong Dance the Night away schaffte es in Großbritannien in die Top 5 der Hitparade und bescherte den Mavericks sechs Live-Abende in der legendären Londoner Royal Albert Hall.

In den USA blieb der Erfolg damals jedoch weitgehend aus, weil sich Trampoline nicht in eine, schon gar nicht in die Country-Schublade stecken ließ. Und so kam leider der Bruch. Die Band veröffentlichte kaum noch Neues, stellte 2000 ihre Aktivitäten als Gruppe ganz ein. Für tot erklären wollte die Mavericks aber keiner, und so wurden 2003 und dann wieder 2013 doch neue Studioalben veröffentlicht – Reminiszenzen an originelle Zeiten, aber mehr nicht, auch wenn viele Kritiker da eher unkritisch waren.

Nachdem man im Herbst 2014 Gründungsmitglied Robert Reynolds wegen seiner Rauschgiftsucht aus der Band geworfen hat, ist vor einigen Monaten bei The Valory Music Co., einem Label der in Nashville beheimateten Plattenfirma Big Machine Records, Mono erschienen, eine neue 12-Track-CD. Und der Titel ist Programm: Die Abmischung ist tatsächlich in Mono erfolgt. Über den Grund wird der Käufer der CD nicht direkt aufgeklärt, der Folder bringt nur die Songtexte. Raul Malo läßt aber auf der Mavericks-Website verlauten, die Schönheit des Sounds alter Mono-Platten habe die Band dazu inspiriert die neuen Songs in einer bestimmten Weise zu entwickeln und die CD in Mono aufzunehmen. Es gebe kaum Overdubs, und so hoffe man, die Platte nahezu genauso präsentieren zu können, wie sie aufgenommen wurde.

Das Ergebnis ist ein dumpfer Klangbrei, der vom ersten bis zum letzten Titel den Ärger über den Qualitätsverzicht wachsen läßt. Hinzu kommt, daß die von Raul Malo alleine oder mit anderen geschriebenen Songs nur Variationen von Liedern sind, die man woanders schon besser gehört hat, nicht zuletzt auf Malos latinlastigen Soloalben. Es spricht Bände, daß der stärkste Titel der Bonustrack Nitty Gritty ist; der entstammt der Feder der 1999 viel zu früh verstorbenen Tex-Mex-Legende Doug Sahm. Selbst dieses Cover ist aber praktisch überflüssig, weil es keinen Mehrwert gegenüber dem 42 Jahre alten Original von Sahms Sir Douglas Quintet bietet.

Andere Kritiker sind, was Mono betrifft, erneut auffallend mild, und die Platte hat es denn auch sofort auf Platz fünf der US-Country-Charts geschafft, wo die Scheibe rein theoretisch vom Stil her gar nicht hineinpaßt. Wenn man weiß, daß für die gute Plazierung nur 8.000 verkaufte Alben gereicht haben, läßt sich aber erahnen, daß die große Begeisterung bei vielen Mavericks-Fans ausgeblieben ist.

Das Dusville-Urteil:

Es ist enttäuschte Liebe im Spiel, ich gebe es ja zu. Und vielleicht bin ich deswegen auch etwas hart, vielleicht auch zu hart in meinem Urteil, aber ich meine, das Mavericks-Album Mono muß man nicht haben – weder in Mono noch in Stereo noch überhaupt.

Die Dusville-Wertung:

Musik                   5/10

Klang                    5/10

Ausstattung     5/10

Relevanz            5/10

Gesamt               5/10

CD The Mavericks, Mono, The Valory Music Co. [Universal-Vertrieb], 0602547218445, 2015.

Foto: Universal Music Group

Buch: Begrenztes Repertoire? Unerschöpfliche Phantasie!

Von Nicole Stöcker

Tim Burton vergleicht Museen mit Friedhöfen. Das meint der Macher schaurig-schöner und skurriler Filmmärchen gar nicht mal negativ. „Hier wie dort herrscht eine ruhige, introspektive und zugleich faszinierende Atmosphäre, geprägt von Spannung, Geheimnisvollem, Entdeckungen, Leben und Tod – und das alles an einem Ort“, schreibt der US-Regisseur, -Produzent und -Drehbuchautor (unter anderem Batman, Mars Attacks!, Charlie und die Schokoladenfabrik) im Begleitband zu seiner aktuellen Ausstellung im rheinischen Brühl. Nach Stationen in Prag, Tokio und Osaka ist das bildkünstlerische Werk Burtons erstmals in Deutschland zu bewundern: Noch bis zum 3. Januar 2016 zeigt das Max Ernst Museum Brühl unter dem Titel The World of Tim Burton über 500 Zeichnungen, Gemälde, Filmpuppen, Fotografien, Storyboards und persönliche Dokumente, aber auch frühe Filme aus Tim Burtons Schul- und Studienzeit sowie aus den Jahren bei Disney.

Hatje Cantz hat dem zweisprachigen Museumskatalog (Deutsch/Englisch) ein sehr poppiges, zum surrealistischen, comicnahen Stil Burtons passendes Kleid verpaßt: Der Titel und der zur Marke gewordene Strubbelkopf Burtons auf dem tiefschwarzen Einband sind in einem hellem Neonblau gehalten, das im Dunkeln sogar leuchtet. Die Texte im Innern sind gehaltvoll. Museumsdirektor Achim Sommer setzt sich im Vorwort intensiv mit Burtons zeichnerischen Schaffen auseinander. Die Zeichnung arbeitet er als „zentrales Medium, um seine [i. e. Burtons] überbordende, unablässig produzierende Fantasie anschaulich zu fixieren und sich ihrer rückzuversichern“, heraus. Es folgt ein ausführliches Interview mit dem Künstler, in dem nicht nur Burtons Humor, sondern auch seine Bescheidenheit durchscheinen. Auf die Frage, was ihn dazu inspiriere, bereits in früheren Zeichnungen anklingende Figuren zu Filmcharakteren weiterzuentwickeln – wie beispielsweise Jack Skellington, Hauptfigur im von Burton produzierten Stop-Motion-Film Nightmare before Christmas –, antwortet Burton: „Es gibt eine bestimmte Ästhetik, die ich besonders mag, und diese findet sich in mehr als einem meiner Charaktere wieder. Außerdem ist mein zeichnerisches Repertoire schlicht und einfach begrenzt. Deshalb sieht alles gleich aus!“ Die liebevoll bebilderte Biographie am Ende des Katalogs basiert unter anderem auf dem sehr empfehlenswerten Buch Mondbeglänzte Zaubernächte. Das Kino von Tim Burton von Christian Heger (2010 im Schüren Verlag erschienen).

Weniger gelungen als die Texte ist die Präsentation der Werke: In dem sowieso nicht gerade großformatigen Katalog sind die reproduzierten Zeichnungen, Skizzen und Gemälde noch einmal von weißen Rahmen umgeben, wodurch zwar genügend Raum für Bildunterschriften bleibt, sich das Potential der Bilder selbst aber nicht entfalten kann. Ein Eintauchen in die bunte, quirlige Welt mit ihren vielen schrägen Details will hier nicht wirklich gelingen. Die 60 Seiten Bildteil (von insgesamt 120 Seiten des Katalogs) deuten nur schwach an, was sich in der Ausstellung selbst innerhalb unterschiedlicher Themenbereiche entfaltet.

Brühl: Max Ernst Museum: Tim Burton Ausstellung
The master himselfie: Tim Burton fotografiert zur Eröffnung der Ausstellung in Brühl Tim Burton (Foto: Max Ernst Museum Brühl des LVR/Julia Reschucha, LVR-ZMB).

Als wesentlich umfangreicherer, aufwendigerer und auch teurerer Titel hat der 2009 erschienene amerikanische Bildband The Art of Tim Burton (Steeles Publishing) einiges mehr zu bieten als der Katalog: Das in Leinen eingeschlagene Trumm von einem Buch, mit Lesebändchen und ausklappbaren Elementen, stellt auf 434 Seiten über 1.000 Bilder vor. 13 Kapitel mit jeweils eigener Einleitung führen durch die überbordende „burtoneske“ Fantasiewelt. Herausgeber sind die zu Burtons Team gehörenden Derek Frey (Associate Producer), Holly C. Kempf (Grafikdesignerin) und Leah Gallo (Fotografin). Gallo vermittelt in ihrer Einleitung einen lebendigen Eindruck von der Entstehung des Buchs, das eine Auswahl aus über 10.000 Bildern darstellt, die zu einem großen Teil noch nicht mal archiviert waren. Burtons Standfotografin ist es auch, die für die pointierten Kapiteleinleitungen verantwortlich zeichnet.

Einzelnen Figuren und Themen gibt das Buch viel Raum. Die Leser können zum Beispiel nachvollziehen, welche zeichnerischen Stationen Edward Scissorhands durchlaufen hat, bevor er zu der Gestalt wurde, die wir aus dem filmischen Gesamtkunstwerk Edward mit den Scherenhänden kennen. Zu sehen ist unter anderem eine besonders düstere Variante der Figur, die von der zart-morbiden Schönheit des Edward-Darstellers Johnny Depp meilenweit entfernt ist. Burton hat die Skizze mit Pastellkreide auf schwarzem Papier festgehalten.

Einen großen Auftritt bekommen auch viele Zeichnungen, die unabhängig von verwirklichten wie nicht verwirklichten Filmprojekten entstanden sind. So hat sich Burtons Vorliebe für Science-Fiction der 1950er und 1960er Jahre in einer umwerfenden Parade außerirdischer Wesen manifestiert. Und in einem eigenen Kapitel stehen Clowns, Puppen und Bauchredner als Konstante im Burton-Kosmos zentral – ausgestattet mit Äxten, großen Zähnen und langen Greifer-Armen. Entsprechend mutieren in Burtons Skizzenbüchern auch „normale Menschen“ nicht selten zu skurrilen Erscheinungen, was im Buch ebenfalls ausführlich dokumentiert ist.

Nett zu lesen sind die hier und da eingestreuten Gedanken und Anekdoten von Freunden und Kollegen des Regisseurs. Viele kommen von Burtons langjähriger Lebensgefährtin Helena Bonham Carter, die, wie auch Johnny Depp, zum Stammpersonal in Burtons Filmen gehört. Sie berichtet im zehnten Kapitel, „Love“, wie sie den Regisseur bei den Dreharbeiten zu Planet der Affen kennengelernt hat und dieser ihr gemalte Liebesbriefe zukommen ließ, wovon zwei im Buch abgebildet sind. Auf einem zeigt ein Aquarell einen schwarzen Kopf mit strubbeligem Haar, großen Augen und zugenähtem Mund, der über einer Prozession roter Highheels schwebt. Burton hat die skurrile Szene „Head over Heels“ genannt.

Das Dusville-Urteil:
Der Eintritt zur Ausstellung The World of Tim Burton im Max Ernst Museum Brühl ist sehr gut investiertes Geld, für Tim-Burton-Fans sowie Film- und Kunstfreunde im allgemeinen. Der Ausstellungskatalog von Hatje Cantz kann als solide Einführung in die nichtfilmischen Ausdrucksformen des Filmkünstlers Tim Burton gewertet werden. Wer aber auch nach dem Museumsbesuch tiefer in diesen Burton-Kosmos eintauchen will, muß auch tiefer in die Tasche greifen, um den überwältigenden englischsprachigen Bildband The Art of Tim Burton zu erwerben. Eine Warnung sei dazu ausgesprochen: Ein stabiles Bücherregal sollte für die Aufbewahrung des Vier-Kilo-Werks vorhanden sein.

Die Dusville-Wertung:
Katalog 7/10
Bildband 10/10

Achim Sommer (Hrsg.), The World of Tim Burton, Hatje Cantz, Ostfildern 2015, ISBN 978-3-7757-4029-6, 120 Seiten, € 24,80.

Derek Frey/Leah Gallo/Holly C. Kempf (Hrsg.), The Art of Tim Burton, Steeles Publishing, Los Angeles 2009, ISBN 978-1-9355-3915-5, 434 Seiten, $ 69,99 (eine Luxusversion für $ 299,99 ist beim Verlag vergriffen) bzw. £ 49,99 oder in der Brühler Ausstellung 65 Euro.

Buch: Wenn das der Mendelsohn wüßte!

Von Nicole Stöcker

Frank Owen Gehry ist das, was man einen „Stararchitekten“ nennt. Wahrscheinlich ist er sogar der Stararchitekt unserer Zeit. Er selbst gibt aber an, den Begriff zu hassen, und tatsächlich ist Gehry trotz seiner Prominenz auf dem Teppich geblieben. Vor einigen Jahren hat er bei einem Auftritt in New York klugerweise gesagt: „Wenn Erich Mendelsohn den Computerkram gehabt hätte, den wir heute haben, hätte ich was anderes machen müssen.“

Mußte der gebürtige Kanadier, der seit 1947 in Kalifornien lebt, aber nicht. Er kann heute problemlos seine oftmals abenteuerlich anmutenden Ideen umsetzen, während in den 1920er Jahren bei seinem deutschen Kollegen vieles Skizze bleiben mußte. Das vor kurzem in englischer Sprache bei Prestel erschienene Buch Frank Gehry zeigt noch mal schön, wie der Dekonstruktivist Gehry eine französische Software aus der Luftfahrtindustrie adaptiert und damit die architektonische Wirklichkeit vieler Städte um geschwungene, schiefe, gebrochene Elemente mit großer Außenwirkung ergänzt hat. Städte wie Bilbao, Los Angeles oder Düsseldorf haben einen oder gleich mehrere „Gehrys“ bekommen und damit ihr Image aufpoliert. Der „Bilbao-Effekt“ ist in den gehobenen Wortschatz eingegangen.

Finished Building : Exterior
Tanzende Formen: Die Prager nennen dieses Bürohaus von Gehry und Vlado Milunić in der tschechischen Hauptstadt auch „Ginger und Fred“ (Image Courtesy of Gehry Partners, LLP).

In dem von Aurélien Lemonier und Frédéric Migayrou herausgegebenen Band werden in angenehmer Kürze Gehrys wichtigste Bauten in chronologischer Abfolge behandelt. Mehrere Aufsätze und ein Interview mit Gehry fallen dagegen teilweise ab, setzen zu vieles voraus oder sind auch zu unkritisch. Die Qualität der Abbildungen ist ebenfalls uneinheitlich. Das Buch dient als Katalog zu einer Ausstellung, die zuerst im Centre Pompidou gezeigt worden ist und vom 13. September bis zum 20. März des kommenden Jahres im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) zu sehen sein wird.

Das Dusville-Urteil:
Wer die Pariser Ausstellung verpaßt hat, sollte die Flugtickets in Richtung Gehrys Wahlheimat LA schon mal buchen. Das Buch, wenn auch nicht das Nonplusultra, ist wegen der kurzen Werkbeschreibungen empfehlenswert.

Die Dusville-Wertung: 7/10

Aurélien Lemonier/Frédéric Migayrou (Hrsg.), Frank Gehry, Prestel Verlag, München/London/New York 2015, ISBN 978-3-7913-5442-2, 256 Seiten, € 49,95.

Düsseldorf: Hilfe, Hbf!

Von Ingo Schiweck

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof mit seiner direkten Umgebung ist wirklich ein außergewöhnlich unwirtlicher, dreckiger und häßlicher Ort: Wer dort eintrifft, bekommt den denkbar schlechtesten Eindruck von Düsseldorf und möchte die Stadt möglichst schnell wieder verlassen. In den vergangenen Wochen haben Abrißarbeiten an der Südwestseite des Gebäudes den Aufenthalt für die 250.000 Reisenden, die hier täglich kürzer oder länger weilen, noch unattraktiver als sonst gemacht. Und nicht nur deren Aufenthalt, sondern auch ein Stück Düsseldorf. Attraktive historische Substanz ist verlorengegangen – sicherlich nicht vergleichbar mit dem Verlust der nur unter heftigem Bürgerprotest abgerissenen Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs in den Jahren 2010–12, aber ein bißchen Aufregung hätte man sich darob denn doch gewünscht. Zumal fraglich ist, ob etwas Erstrebenswertes an die Stelle des Abgerissenen tritt, etwas, das den Aufenthalt in der Bahnhofsgegend wirklich angenehmer macht.

Der in den Jahren 1932 bis 1936 errichtete Hauptbahnhof der Altbiermetropole war von Beginn an nicht unumstritten. Dem langgestreckten sachlichen Backsteinbau mit dem markanten Uhren- und ehemaligen Wasserturm mußte der neobarocke Vorgänger weichen. Der war zwar erst 1891 eröffnet, aber schon lange als zu klein kritisiert worden. Düsseldorfer Architekten hatten nun auch an dem Entwurf von Eduard Behne für den Neubau so einiges auszusetzen, doch der Protest blieb weitgehend unberücksichtigt. So kam es zu Abriß und Neubau, aber keine drei Jahre nach Fertigstellung des neuen Düsseldorfer Bahnhofs begann der Zweite Weltkrieg, und damit wurden alliierte Flieger regelmäßige Gäste im Düsseldorfer Luftraum. Der frischerrichtete Bahnhof wurde stark zerstört. In den 1950er Jahren erfolgte der Wiederaufbau. Umfangreiche Umbauarbeiten in den 1980er Jahren machten aus dem Hauptbahnhof dann ein Renommierobjekt der Bundesbahn, was man dem Bau heute – trotz einiger späterer Kosmetik – nicht mehr anmerkt. Bei den Umbauaktivitäten, die nicht viel Altes verschonten, blieb zumindest die Fassade erhalten, die dann auch gleich 1985 in die Denkmalliste aufgenommen wurde. Die Lieblosigkeit im Umgang mit der historischen Substanz des Gebäudes fand in der Ignoranz jeglicher planerischer und ästhetischer Ansprüche auf dem Bahnhofsvorplatz ein Geschwisterchen. Die dauerhafte Plazierung von häßlichen Verkaufscontainern vor dem Haupteingang des Gebäudes kann stellvertretend dafür genannt werden.

Prominentestes Opfer der aktuellen Abbrucharbeiten am Hbf Düsseldorf ist die ehemalige Wache der Bundespolizei mitsamt der benachbarten eleganten Eckrundung, die sie mit dem Bahnhof verband. Diese historischen Backsteinbauten sind leider in den 80er Jahren explizit nicht mit unter Denkmalschutz gestellt worden, obwohl sie stilistisch und von der Ausführung her hervorragend an den Bahnhof anschlossen. Für den Eigentümer der für die Deutsche Bahn AG „nicht mehr betriebsnotwendigen Liegenschaft“, wie es auf beamtendeutsch heißt, ist dieses aus Sicht des Historikers beklagenswerte Versäumnis ein Glücksfall. Obwohl: Auch Düsseldorfer Denkmalschutz hätte ja nicht unbedingt tatsächlich geschützt, wie wir spätestens seit dem Abriß des Tausendfüßlers wissen. Der Eigentümer, das ist übrigens seit Ende 2007 nicht mehr der Bund, sondern die börsennotierte Immobiliengesellschaft CA Immo. Diese Gesellschaft ist zum Beispiel mitverantwortlich für ein Projekt wie den Frankfurter Büroklotz Tower 185, in dem das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PwC seine Deutschland-Zentrale hat, oder das ebenfalls in Frankfurt am Main angesiedelte Einkaufszentrum Skyline Plaza – laut FAZ der „Geheimtipp für alle, die freundlich bedient werden und in Ruhe einkaufen wollen“, wobei die Betonung zum Mißvergnügen vieler Einzelhändler auf „Ruhe“ liegt.

Campino in Buenos Aires
Schon historisch: Die ehemalige Wache der Bundespolizei und die elegante Rundung sind inzwischen ganz abgerissen worden. (Foto: Ingo Schiweck)

CA Immo spekuliert jetzt auf eine Umgestaltung des gesamten Düsseldorfer Bahnhofsvorplatzes. Ihr bislang nur für Bahnzwecke nutzbares Grundstück will sie entwidmen lassen, Anfang 2016 könnte ein Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Areals ausgeschrieben werden. Wir erinnern uns aber: Schon 2005 hatten sich 20 Teams an einem Planungswettbewerb zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes beteiligt. Das sensationelle Ergebnis damals, so die Stadt Düsseldorf: „Der von der Stadt ausgeschriebene Wettbewerb zur Neugestaltung des Konrad-Adenauer-Platzes hat zu keinem Ergebnis geführt.“

So wünschenswert eine Umgestaltung der direkten Umgebung des Bahnhofs auch ist: Nach 18 Uhr verwaiste Büros und überflüssige zusätzliche Konsummöglichkeiten, wie sie angesichts der Involvierung eines Unternehmens wie CA Immo befürchtet werden müssen, wären kein städtebaulicher Gewinn und würden wie eine zusätzliche Verhöhnung der geopferten Bauten wirken. Bange fragen wir uns auch, welche architektonische Zumutung uns bei einer Umgestaltung wohl erwartet: Micky-Maus-Architektur wie im Falle des Kö-Bogens, eine Kopie osteuropäischer Aufmarschplätze wie bei den Düsseldorf Arcaden oder vollkommen gesichtslose Bauten wie die Bilker Höfe? Verwaltung und Politik in Düsseldorf haben es bis zu einem gewissen Grad mit in der Hand, ob es in Zukunft eine positive Erfahrung ist, in der NRW-Landeshauptstadt mit dem Zug einzutreffen. Diejenigen, die an den städtischen Hebeln sitzen müssen sich aber ihrer Einflußmöglichkeiten bewußt sein und verantwortungsvoll von ihnen Gebrauch machen – zugunsten eines lebenswerten Düsseldorfs.