Kategorie-Archiv: Architektur

Diagnose: Expressionist

Von Ingo Schiweck

Erstmals seit den Ausstellungen von 1976/77 ist das Werk des Künstlers Paul Goesch (1885–1940) wieder ausführlich im Museum zu sehen – sogar zeitgleich an zwei Orten. Die Berlinische Galerie und die Heidelberger Sammlung Prinzhorn widmen dem Expressionisten, der einen großen Teil seines Lebens in Irrenanstalten verbracht hat, eigene Ausstellungen mit jeweils eigenem Katalog. Wir haben uns mit der aktuellen Goesch-Beschäftigung beschäftigt.

In den Jahrzehnten vor 1914 war vieles immer schneller und komplizierter geworden. Besonders in Westeuropa und den USA hatten sich die Menschen ungeheuren Entwicklungsschüben der Gesellschaft ausgesetzt gesehen. Technische Neuerungen wie Autos, Flugzeuge und Telefone hatten ihren Siegeszug angetreten. Die vermeintlich immer zivilisierteren Nationen konkurrierten indes zuerst um Marktanteile und Kolonialgebiete, bevor sich dann ihre jungen Männer von Laufgraben zu Laufgraben mit den neuesten Errungenschaften der Waffenschmieden und -labore duchbohrten, zerfetzten oder vergasten.

Nachdem schon der technologische Fortschritt nicht nur Begeisterung, sondern auch vielfach Überforderung hervorgerufen hatte, versetzte der technisierte Krieg der Psyche vieler Menschen vollends einen Schlag. In der Kunstwelt bekam damals der Expressionismus einen Schub. Das aufgewühlte Innere wollte expressiv nach außen – Kunst als „Ausdruck visionär geschauter Tatsächlichkeit“ (Paul Westheim). Der Unterschied zwischen „Kunst“ und „Krankheit“ wurde dabei zuweilen aufgehoben: Was ist Kunst? Was ist krank? Und ist der einzelne krank oder vielmehr die Gesellschaft? Fragen, die die Nationalsozialisten nicht nur mit Ausgrenzung, sondern mit Mordaktionen beantworteten, nachdem sie an die Macht gekommen waren und versuchten, aus einer pluralistischen Gesellschaft eine „Volksgemeinschaft“ zu machen.

Taut und Scheerbart als Zugpferde für eine Goesch-Schau

Einer, der das nicht überlebt hat, war Paul Goesch. Der 1885 in Schwerin geborene Goesch hatte Architektur studiert, war 1914 Regierungsbaumeister geworden und dann im westpreußischen Culm (Chełmno) in den Postdienst eingetreten. Dort blieb er bis 1917. Gleich zwei Ausstellungen, eine in der Berlinischen Galerie und eine in der Heidelberger Sammlung Prinzenhorn, rücken sein Wirken in den Jahren danach wieder in den Fokus. Interessanterweise heißt die Berliner Schau – und mit ihr der Katalog – Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch. Goesch schloß sich nach Kriegsende dem Arbeitsrat für die Kunst an, und er beteiligte sich am Briefwechsel der Gläsernen Kette. Spiritus Rector beider Kreise: Bruno Taut (1880–1938), ein großer Fan des phantastisch-skurrilen und dabei visionären Autors Paul Scheerbart (1863–1915). Taut war ein begnadeter Netzwerker, Erdenker großartiger, auf eine friedliche Welt zielender Architektur-Visionen in Kristall (Alpine Architektur), in der Praxis Erbauer des Kölner Glashauses und später moderner Berliner Siedlungen. Allen drei Künstlern gemeinsam ist ein mehr oder minder tragisches Ende: Pazifist Scheerbart stirbt ein gutes Jahr nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs – lange Zeit heißt, es er habe sich aus Protest gegen den Krieg zu Tode gehungert –, Tauts Leben endet nach einem schweren Asthma-Anfall im türkischen Exil. Und Goesch gilt unter den Nationalsozialisten zunächst „nur“ als entartet, wird 1940 aber im Rahmen des „Euthanasie“-Programms als „lebensunwertes Leben“ vergast. Also: Man kann die drei durchaus in einer Ausstellung vereinen. Aber: Es drängt sich der Eindruck auf, daß der Gigant Taut und sein inspirierender „Glaspapa“ Scheerbart in Berlin als Magneten benutzt werden. Paul Goesch traut man wohl zu wenig Attraktion zu! Dabei ist es doch ganz klar Goesch, der bei der Berliner Ausstellung und ihrem Katalog im Zentrum steht. Das gilt noch stärker für die Heidelberger Schau. Hier hat man aber ganz selbstverständlich auch ohne Umschweife den Titel Paul Goesch 1885–1940. Zwischen Avantgarde und Anstalt gewählt.

Goesch saß von 1917 bis 1919 in der Westpreußischen Provinzial-Irren-Heil- und Pflegeanstalt in Schwetz (Świecie). Er hatte unter anderem Angst, man würde ihn begraben und „als harmlosen Menschen“ wieder auferstehen lassen. Goesch beabsichtigte, König von Frankreich zu werden, und glaubte, die Gedanken anderer voraussehen zu können. Als sich sein Zustand besserte, zeichnete er am laufenden Band. Von den tausend Blättern, die entstanden, ging eine Reihe nach Heidelberg, wo der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn eine Sammlung von Werken „Geisteskranker“ aufbaute.

Etwas vom eigenen Leiden sichtbar machen

Nach seiner Entlassung plädierte Goesch alias „Tancred“ in einem Brief an die Mitstreiter in der Gläsernen Kette, der auch in Bruno Tauts Zeitschrift Frühlicht erschien, für eine schnelle, unbefangene Arbeitsweise, für ein liebevolles Eingehen auf vermeintliche „Verzeichnungen“. Das Unterbewußte des Menschen wolle „etwas ganz anderes […] als genaue oder wohlproportionierte Nachbildung“. Dem Instinkt des Schaffenden sei es wichtiger, etwas von seinem eigenen Leiden sichtbar zu machen. „Typisch expressionistisch“, denkt man, beim Lesen dieser Zeilen.

Buno Taut ließ Goesch 1921 (gemeinsam mit Franz Mutzenbecher) den Festsaal des Restaurants im von Taut entworfenen Ledigenwohnheim der Berliner Lindenhof-Siedlung ausmalen. Wände und Decke des Raums wurden zu einem atemberaubenden Farbenmeer. Bald darauf ging Paul Goesch als Patient in die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Göttingen, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Wechsel in die brandenburgische Landesirrenanstalt Teupitz im Jahr 1934 blieb.

Der gelernte Architekt, von dem kein eigenes ausgeführtes architektonisches Werk bekannt ist, hat zumindest in seinen Bildern viele Bauten oder Teile davon geschaffen. Besonders säulenartige Kreationen kehren immer wieder. Vieles macht einen exotischen, orientalischen Eindruck. „Typisch expressionistisch“ war Goesch zum Beispiel, als er einen Schrank gemalt hat, der jetzt in Heidelberg zu sehen ist. Das vielfarbige Möbelstück scheint zu brennen, scheint nur aus züngelnden Flammen zu bestehen, die nach oben wie bei einer heftigen Explosion wirken. Den endgültigen Abschluß bildet dann aber etwas, das ein rot-grüner Kristall sein könnte, ein Symbol für eine bessere Gesellschaft. Im Zentrum des Schranks: ein (der?) Mensch. Menschen beziehungsweise menschliche Gesichter sind Goeschs häufigstes Motiv gewesen. Die Köpfe hat er mal sehr fein gemalt, mal grob-fratzenhaft. Nur selten verrät uns ein Titel, an welche Person Goesch beim Zeichnen gedacht hat.

Berlin stellt im Katalog sehr schön Werke Goeschs Zeichnungen anderer phantastisch-expressionistischer Künstler gegenüber. Daß da teils ähnliche Motive auftauchen, verwundert nicht. Die meisten Berliner Bilder sind der Berlinischen Galerie 1978 von Goesch-Erben geschenkt worden; zu den eigenen Werken des Museums kommen Architekturvisionen aus dem Baukunstarchiv der Akademie der Künste. Die Sammlung Prinzhorn kann aus dem vollen schöpfen, weil sie aus der Familie im vergangenen Jahr eine Schenkung von über 350 Blättern erhalten hat. Der stärker als das Berliner Pendant auf den psychiatrischen Aspekt eingehende Heidelberger Katalog gliedert die Werke angenehm thematisch – ihre Interpretation scheint aber noch eher am Anfang zu stehen.

Thomas Röske, Leiter der Sammlung Prinzhorn, schreibt im sehr leserfreundlich gestalteten Heidelberger Katalog (der Berliner ist durch seine Zweisprachigkeit etwas unübersichtlich geraten), es sei höchste Zeit, Goesch als das anzuerkennen, was er offenbar immer habe sein wollen: ein „Künstler, der zur Kultur seiner Zeit beigetragen hat – gerade auch aus seiner Erfahrung mit der Psychiatrie“. Die beiden Ausstellungen, deren wirklich lesenwerte Kataloge einander gut ergänzen, bedeuten einen wichtigen Schritt in diese Richtung.

Berlinische Galerie. Museum für Moderne Kunst (Hrsg.), Visionäre der Moderne/Modern Visionaries. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch, Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2016, ISBN 978-3-85881-510-1 (Museumsausgabe: 978-3-94020-844-6), 199 S., 38,– € (29,80 €).

Thomas Röske (Hrsg.), Paul Goesch 1885–1940. Zwischen Avantgarde und Anstalt, Verlag das Wunderhorn, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-88423-539-3, 176 S., 29,80 €.

Die Ausstellung in der Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, ist noch bis zum 18. September, die in der Berlinischen Galerie, Berlin, noch bis zum 31. Oktober 2016 zu sehen.

Unser Bild (Gouache, Gold- und Silberbronze über Tuschfeder auf Papier) zeigt einen farblich überwältigend gestalteten „Festsaal“. Paul Goesch hat es 1921 gemalt. Das Original stammt aus den Beständen der Berlinischen Galerie und ist Teil von deren aktueller Ausstellung.

Buch: Die Paul-Schneider-Esleben-Häuser

Von Ingo Schiweck

So plötzlich, wie er da war, war er kurz vor Weihnachten auch wieder vom Tisch: der Vorschlag, das Düsseldorfer Mannesmann-Hochhaus in Richard-von-Weizsäcker-Haus umzubenennen. Was bei der kurzen, aber heftig geführten Namensdiskussion auffällt, ist daß der Name des Hochhaus-Architekten darin eigentlich nie erwähnt wurde. Vielen Düsseldorfern wird er auch gar kein Begriff sein. Dabei hat Paul Schneider-Esleben so viele markante Bauten in der NRW-Landeshauptstadt geschaffen wie kaum ein anderer Architekt.

Ein Buch rückt Schneider-Esleben und sein Werk in den Fokus. Erschienen ist es als Katalog zur kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung in München – der Düsseldorfer Architekt hat sein Archiv leider dem Architekturmuseum der TU München vermacht. Der 1915 geborene Sohn des Architekten Franz Schneider beginnt in den 1930er Jahren ein Architekturstudium, das aber durch den Krieg unterbrochen wird. Was folgt, ist Stoff für ein „Landser“-Heftchen: PSE, so sein späteres Kürzel, wird Flieger, gerät schwer verletzt in sowjetische Gefangenschaft, kann fliehen und sich schließlich zu den Eltern durchschlagen.

Viel wichtiger als das erlernte Kriegshandwerk: Eine Begegnung mit dem Architekten Rudolf Schwarz 1942 in Lothringen sowie Berichte über den inzwischen in die USA emigrierten Ludwig Mies van der Rohe und das Bauhaus erweitern den Horizont des sonst mit dem NS-Neoklassizismus konfrontierten Schneider-Esleben.

Nach dem Krieg nimmt er sein Studium wieder auf, das er mit Karikaturen finanziert. Als selbständiger Architekt baut er dann die beschädigte Kirche St. Bonifatius in Düsseldorf-Bilk wieder auf. Diesem Backstein-Bau seines Vaters von 1927/28 wird unter anderem eine Betonfassade mit bunten, dreieckigen Fensterchen verpaßt. Und schon nach wenigen Jahren der Selbständigkeit kommen richtige Knaller für das führende Nachkriegswirtschaftszentrum Düsseldorf – im Buch mit einem Thilo-Hilpert-Zitat auch als „heimliche Hauptstadt der Republik“ tituliert – aus Schneider-Eislebens Büro. Sie prägen nicht nur die Stadt, sondern sichern PSE auch seinen Platz in der Architekturgeschichte. Bereits 1951–53 wird seine Haniel-Garage an der Grafenberger Allee gebaut, ein Parkhaus für 500 Autos. Dabei handelt es sich um eines der ersten Bauwerke in Deutschland, bei dem das Stahlbetonskelett vollständig von einer gläsernen Vorhangfassade umgeben ist. Schneider-Esleben ist damals im Düsseldorfer Architektenstreit auf Seiten des Architektenrings Düsseldorf anzutreffen. Der kritisiert besonders die nahtlos an die NS-Zeit anknüpfende Planung und Personalpolitik von Friedrich Tamms, dem Leiter des Stadtplanungsamts. Die großen, autogerechten Durchbrüche à la Tamms sind mit vielen Parkplätzen an den Straßen zu kombinieren. Ein Parkhaus wie das von Schneider-Esleben in Düsseltal paßt nicht ins Bild. Tamms würde es denn auch am liebsten hinter einer Häuserzeile verstecken, was aber – zum Glück – nicht realisiert wird.

Was nun folgt ist ein kleines Best of der gestalterisch wie technisch anspruchsvollen Düsseldorfer Nachkriegsarchitektur mit internationaler Inspiration – und vor allem internationaler Strahlkraft: die neue Rochuskirche mit der eiförmigen Kuppel (1953–55), die Mannesmann-Hauptverwaltung als erstes Stahlskeletthochhaus der Bundesrepublik (1955–58), die Volksschule an der Rolandstraße mit Kunst von Beuys, Uecker, Mack und Piene (1958–61), das heute stark verwahrloste Commerzbank-Gebäude mit der Aluminiumfassade (1963–66) oder auch das leider schon wieder abgerissene ARAG-Terrassenhochhaus (1964–67).

Paul Schneider-Esleben stirbt 2005 im hohen Alter von 89 Jahren. Zwei Kuriositäten sollten zum Schluß nicht verschwiegen werden. Zum einen hat er der benachbarten Domstadt Köln (und der damaligen Bundeshauptstadt Bonn) ihren neuen Flughafen geschenkt (1966–70), zum anderen ist er der Vater von Florian Schneider-Esleben, der als Mitbegründer der extrem einflußreichen Düsseldorfer Kultband Kraftwerk Weltruhm erlangt hat.

Das Dusville-Urteil:                                                                                                    Das reich bebilderte Katalogbuch über Paul Schneider-Esleben steht am Beginn eines Forschungsprojekts. Prägnante Aufsätze zu einzelnen Themen werden kombiniert mit Beschreibungen besonders relevanter Objekte. Wünschenswert gewesen wären einheitlichere Angaben zum aktuellen Zustand von Gebäuden und zum Denkmalschutz. Und wenn man vermeintlich schicke Abkürzungen verwendet, dann bitte nicht die Bundesrepublik zum Bund Deutscher Radfahrer machen. Für Architektur- und besonders für Düsseldorfbegeisterte ist nichtsdestotrotz eine absolute Kaufempfehlung auszusprechen.

Die Dusville-Wertung: 9/10

Andres Lepik/Regine Heß (Hrsg.), Paul Schneider-Esleben. Architekt, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015, 208 Seiten, ISBN 978-3-7757-3998-6, € 35,–.

P. S.: Eine PSE-Ausstellung wird vom 21. Januar bis zum 24. Februar 2016 in Schneider-Eslebens seit dem vergangenen Dezember denkmalgeschützter Wuppertaler Stadtsparkasse (1969–73) gezeigt.

Buch: Wenn das der Mendelsohn wüßte!

Von Nicole Stöcker

Frank Owen Gehry ist das, was man einen „Stararchitekten“ nennt. Wahrscheinlich ist er sogar der Stararchitekt unserer Zeit. Er selbst gibt aber an, den Begriff zu hassen, und tatsächlich ist Gehry trotz seiner Prominenz auf dem Teppich geblieben. Vor einigen Jahren hat er bei einem Auftritt in New York klugerweise gesagt: „Wenn Erich Mendelsohn den Computerkram gehabt hätte, den wir heute haben, hätte ich was anderes machen müssen.“

Mußte der gebürtige Kanadier, der seit 1947 in Kalifornien lebt, aber nicht. Er kann heute problemlos seine oftmals abenteuerlich anmutenden Ideen umsetzen, während in den 1920er Jahren bei seinem deutschen Kollegen vieles Skizze bleiben mußte. Das vor kurzem in englischer Sprache bei Prestel erschienene Buch Frank Gehry zeigt noch mal schön, wie der Dekonstruktivist Gehry eine französische Software aus der Luftfahrtindustrie adaptiert und damit die architektonische Wirklichkeit vieler Städte um geschwungene, schiefe, gebrochene Elemente mit großer Außenwirkung ergänzt hat. Städte wie Bilbao, Los Angeles oder Düsseldorf haben einen oder gleich mehrere „Gehrys“ bekommen und damit ihr Image aufpoliert. Der „Bilbao-Effekt“ ist in den gehobenen Wortschatz eingegangen.

Finished Building : Exterior
Tanzende Formen: Die Prager nennen dieses Bürohaus von Gehry und Vlado Milunić in der tschechischen Hauptstadt auch „Ginger und Fred“ (Image Courtesy of Gehry Partners, LLP).

In dem von Aurélien Lemonier und Frédéric Migayrou herausgegebenen Band werden in angenehmer Kürze Gehrys wichtigste Bauten in chronologischer Abfolge behandelt. Mehrere Aufsätze und ein Interview mit Gehry fallen dagegen teilweise ab, setzen zu vieles voraus oder sind auch zu unkritisch. Die Qualität der Abbildungen ist ebenfalls uneinheitlich. Das Buch dient als Katalog zu einer Ausstellung, die zuerst im Centre Pompidou gezeigt worden ist und vom 13. September bis zum 20. März des kommenden Jahres im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) zu sehen sein wird.

Das Dusville-Urteil:
Wer die Pariser Ausstellung verpaßt hat, sollte die Flugtickets in Richtung Gehrys Wahlheimat LA schon mal buchen. Das Buch, wenn auch nicht das Nonplusultra, ist wegen der kurzen Werkbeschreibungen empfehlenswert.

Die Dusville-Wertung: 7/10

Aurélien Lemonier/Frédéric Migayrou (Hrsg.), Frank Gehry, Prestel Verlag, München/London/New York 2015, ISBN 978-3-7913-5442-2, 256 Seiten, € 49,95.

Düsseldorf: Hilfe, Hbf!

Von Ingo Schiweck

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof mit seiner direkten Umgebung ist wirklich ein außergewöhnlich unwirtlicher, dreckiger und häßlicher Ort: Wer dort eintrifft, bekommt den denkbar schlechtesten Eindruck von Düsseldorf und möchte die Stadt möglichst schnell wieder verlassen. In den vergangenen Wochen haben Abrißarbeiten an der Südwestseite des Gebäudes den Aufenthalt für die 250.000 Reisenden, die hier täglich kürzer oder länger weilen, noch unattraktiver als sonst gemacht. Und nicht nur deren Aufenthalt, sondern auch ein Stück Düsseldorf. Attraktive historische Substanz ist verlorengegangen – sicherlich nicht vergleichbar mit dem Verlust der nur unter heftigem Bürgerprotest abgerissenen Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs in den Jahren 2010–12, aber ein bißchen Aufregung hätte man sich darob denn doch gewünscht. Zumal fraglich ist, ob etwas Erstrebenswertes an die Stelle des Abgerissenen tritt, etwas, das den Aufenthalt in der Bahnhofsgegend wirklich angenehmer macht.

Der in den Jahren 1932 bis 1936 errichtete Hauptbahnhof der Altbiermetropole war von Beginn an nicht unumstritten. Dem langgestreckten sachlichen Backsteinbau mit dem markanten Uhren- und ehemaligen Wasserturm mußte der neobarocke Vorgänger weichen. Der war zwar erst 1891 eröffnet, aber schon lange als zu klein kritisiert worden. Düsseldorfer Architekten hatten nun auch an dem Entwurf von Eduard Behne für den Neubau so einiges auszusetzen, doch der Protest blieb weitgehend unberücksichtigt. So kam es zu Abriß und Neubau, aber keine drei Jahre nach Fertigstellung des neuen Düsseldorfer Bahnhofs begann der Zweite Weltkrieg, und damit wurden alliierte Flieger regelmäßige Gäste im Düsseldorfer Luftraum. Der frischerrichtete Bahnhof wurde stark zerstört. In den 1950er Jahren erfolgte der Wiederaufbau. Umfangreiche Umbauarbeiten in den 1980er Jahren machten aus dem Hauptbahnhof dann ein Renommierobjekt der Bundesbahn, was man dem Bau heute – trotz einiger späterer Kosmetik – nicht mehr anmerkt. Bei den Umbauaktivitäten, die nicht viel Altes verschonten, blieb zumindest die Fassade erhalten, die dann auch gleich 1985 in die Denkmalliste aufgenommen wurde. Die Lieblosigkeit im Umgang mit der historischen Substanz des Gebäudes fand in der Ignoranz jeglicher planerischer und ästhetischer Ansprüche auf dem Bahnhofsvorplatz ein Geschwisterchen. Die dauerhafte Plazierung von häßlichen Verkaufscontainern vor dem Haupteingang des Gebäudes kann stellvertretend dafür genannt werden.

Prominentestes Opfer der aktuellen Abbrucharbeiten am Hbf Düsseldorf ist die ehemalige Wache der Bundespolizei mitsamt der benachbarten eleganten Eckrundung, die sie mit dem Bahnhof verband. Diese historischen Backsteinbauten sind leider in den 80er Jahren explizit nicht mit unter Denkmalschutz gestellt worden, obwohl sie stilistisch und von der Ausführung her hervorragend an den Bahnhof anschlossen. Für den Eigentümer der für die Deutsche Bahn AG „nicht mehr betriebsnotwendigen Liegenschaft“, wie es auf beamtendeutsch heißt, ist dieses aus Sicht des Historikers beklagenswerte Versäumnis ein Glücksfall. Obwohl: Auch Düsseldorfer Denkmalschutz hätte ja nicht unbedingt tatsächlich geschützt, wie wir spätestens seit dem Abriß des Tausendfüßlers wissen. Der Eigentümer, das ist übrigens seit Ende 2007 nicht mehr der Bund, sondern die börsennotierte Immobiliengesellschaft CA Immo. Diese Gesellschaft ist zum Beispiel mitverantwortlich für ein Projekt wie den Frankfurter Büroklotz Tower 185, in dem das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PwC seine Deutschland-Zentrale hat, oder das ebenfalls in Frankfurt am Main angesiedelte Einkaufszentrum Skyline Plaza – laut FAZ der „Geheimtipp für alle, die freundlich bedient werden und in Ruhe einkaufen wollen“, wobei die Betonung zum Mißvergnügen vieler Einzelhändler auf „Ruhe“ liegt.

Campino in Buenos Aires
Schon historisch: Die ehemalige Wache der Bundespolizei und die elegante Rundung sind inzwischen ganz abgerissen worden. (Foto: Ingo Schiweck)

CA Immo spekuliert jetzt auf eine Umgestaltung des gesamten Düsseldorfer Bahnhofsvorplatzes. Ihr bislang nur für Bahnzwecke nutzbares Grundstück will sie entwidmen lassen, Anfang 2016 könnte ein Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Areals ausgeschrieben werden. Wir erinnern uns aber: Schon 2005 hatten sich 20 Teams an einem Planungswettbewerb zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes beteiligt. Das sensationelle Ergebnis damals, so die Stadt Düsseldorf: „Der von der Stadt ausgeschriebene Wettbewerb zur Neugestaltung des Konrad-Adenauer-Platzes hat zu keinem Ergebnis geführt.“

So wünschenswert eine Umgestaltung der direkten Umgebung des Bahnhofs auch ist: Nach 18 Uhr verwaiste Büros und überflüssige zusätzliche Konsummöglichkeiten, wie sie angesichts der Involvierung eines Unternehmens wie CA Immo befürchtet werden müssen, wären kein städtebaulicher Gewinn und würden wie eine zusätzliche Verhöhnung der geopferten Bauten wirken. Bange fragen wir uns auch, welche architektonische Zumutung uns bei einer Umgestaltung wohl erwartet: Micky-Maus-Architektur wie im Falle des Kö-Bogens, eine Kopie osteuropäischer Aufmarschplätze wie bei den Düsseldorf Arcaden oder vollkommen gesichtslose Bauten wie die Bilker Höfe? Verwaltung und Politik in Düsseldorf haben es bis zu einem gewissen Grad mit in der Hand, ob es in Zukunft eine positive Erfahrung ist, in der NRW-Landeshauptstadt mit dem Zug einzutreffen. Diejenigen, die an den städtischen Hebeln sitzen müssen sich aber ihrer Einflußmöglichkeiten bewußt sein und verantwortungsvoll von ihnen Gebrauch machen – zugunsten eines lebenswerten Düsseldorfs.

Buch: Amsterdamer Schule in Rietvelds Utrecht

Von Ingo Schiweck

Mit der niederländischen Stadt Utrecht verbinden wir so einiges: die Uni zum Beispiel, die mittelalterliche Innenstadt mit dem Dom und den Frieden von Utrecht. Ja, und Architekturfreunden wird auch sofort der große Möbeldesigner und Architekt Gerrit Rietveld einfallen, dessen Leben in Utrecht begann und auch dort endete. Weltberühmt ist sein Utrechter Rietveld-Schröder-Haus von 1924/25, das als Manifest von De Stijl und damit als Ikone der Moderne zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. An die Amsterdamer Schule denken aber die wenigsten, wenn die Sprache auf Utrecht kommt.

Die Amsterdamer Schule, die dem Rationalismus des damaligen architektonischen Übervaters Berlage Expressionismus, Romantik und Phantasie entgegegensetzte und eine „vertieft-persönliche Schönheit“ anstrebte, wie es Jan Gratama 1916 zusammengefaßt hat, ist ja eine Architekturbewegung, die schon nach einer ganz anderen Stadt – der niederländischen Hauptstadt eben – benannt ist. Und die berühmtesten Bauten dieser Strömung der Jahre 1910 bis 1930 stehen schließlich auch in Amsterdam. Das Scheepvaarthuis von Joan van der Meij schräg gegenüber dem Amsterdamer Hauptbahnhof etwa oder die „Arbeiterpaläste“ des früh gestorbenen Genies Michel de Klerk in der Spaarndammerbuurt sind weltweit nicht nur Architekturexperten ein Begriff. Die Amsterdamer Gebäude beeindrucken mit einer teils sehr lebhaft modellierten Außenhaut, hauptsächlich aus dem traditionellen Material Backstein, mit Turmelementen und mit oftmals freundlichen Farben, die so ganz anders wirken als die bisweilen geradezu düstere deutsche Ziegelarchitektur jener Jahre. Die Bauten der Amsterdamer Schule bieten phantasievolle Ornamente, aus Backstein oder von Bildhauern in Werkstein ausgeführt, die ihre Vorbilder häufig in der Natur hatten; nicht selten sind an den Gesamtkunstwerken der Schule auch mit großem Geschick hergestellte schmiedeeiserne Elemente zu finden, beeindruckend geformte Fensterrahmen aus Holz und verwirrend bunte Bleiglasfenster.

Detail Noordzeestraat kl
Utrechter Schule: Das ehemalige Schulgebäude in der Noordzeestraat zu Utrecht könnte auch in Amsterdam stehen. (Foto: Ingo Schiweck)

Die Bewegung, die so gebaut hat, blieb nicht auf Amsterdam beschränkt, sondern sie konnte sich über die gesamten Niederlande ausbreiten. Und so finden wir tatsächlich auch in Utrecht, der viertgrößten Stadt des Landes, Zeugnisse der Amsterdamer Schule. Ein kleiner Wander- und Radführer mit Spiralbindung, der vor kurzem beim niederländischen Print-on-Demand- und Selfpublishing-Dienstleister Free Musketeers erschienen ist, zeigt, daß es sich dabei um weitaus mehr handelt, als um die üblichen Verdächtigen. Neben der ehemaligen Hauptpost von Joseph Crouwell mit ihrer beeindruckenden Halle oder der alten Polizeistation an der Tolsteegbrug rücken so auf den vier im Führer enthaltenen Routen weniger bekannte Highlights wie der Wasserturm am Neckardreef und die frühere Schule in der Noordzeestraat aus dem Jahr 1926 in den Fokus. Das ist das Verdienst des Büchleins. Leider läßt sich darüber hinaus nicht viel Positives sagen: Über die Geschichte und Geschichten hinter den Gebäuden erfährt der Nutzer wenig, die Fotos sind nicht immer gelungen, und wenn man im Führer ein bestimmtes Gebäude sucht, kann das dauern.

Das Dusville-Urteil:

Die Idee ist gut, die Umsetzung weniger. Es wäre besser gewesen, ein richtiger Verlag mit richtigem Lektorat hätte sich an das Projekt gewagt. Immerhin scheint beim Publikum Interesse an dem Führer zu bestehen, denn bei Free Musketeers zählt er, wenn man der Website des Anbieters glauben darf, seit Monaten zu den Top fünf der bestverkauften Titel.

Die Dusville-Wertung: 5/10

Ronald Elink Schuurman/Bob Lodewijks, De Amsterdamse School in Utrecht. Vier Wandel- of Fietsroutes door de Stad, Free Musketeers, Zoetermeer 2014, ISBN 9789048433971, 136 Seiten, € 15,95.