Braun BNE001BK: Schön rechnen

Von Ingo Schiweck

Das berühmte Braun-Design: minimalistisch-funktional, mit potentiell beglückenden Farbakzenten, zu Hochzeiten seiner Zeit voraus. Klassiker des hessischen Unternehmens – heute Teil von Procter & Gamble – werden in den letzten Jahren gerne mal neu aufgelegt. So auch der Taschenrechner ET 66 (Typ 4776) aus dem Jahr 1987. Seit 2013 ist er als Braun BNE001BK wieder zu haben. Doch was taugt die schicke Replika mit der wenig eleganten Bezeichnung?

Zu Taschenrechnern greift man in der Regel, weil man muß, nicht weil man Lust drauf hat. Beim schwarzen Braun-Gerät (Design: Dieter Rams/Dietrich Lubs) ist das anders. Seine konvex gestalteten runden Tasten wollen den Fingerkuppen schmeicheln. Je nach Funktion sind die Tasten unterschiedlich gefärbt – damit soll auch das Auge bedient werden. Im Mathe-Unterricht braucht man mit dem Gerät nicht aufzutauchen, dafür sind die angebotenen Funktionen zu rudimentär – aber wer will sich auch von Mathematik die Lust am Braun verderben lassen?!

Die Arbeit mit dem neuen Braun ist ebenso problemlos wie die mit seinem Vorbild aus den designverwöhnten 80ern. Die neue Version hat sogar verglichen mit der alten das deutlichere Display. Dafür bieten die alten Tasten den klareren Druckpunkt als die aus der aktuellen Produktion. Die alten sehen auch wertiger aus: Hier wurde nicht einfach Plastik bedruckt, sondern man hat in den 80er Jahren noch zwei unterschiedlich gefärbte Kunststoffe für Taste und Beschriftung verwendet. Solche äußeren Unterschiede zwischen dem neuen und dem alten Braun fallen aber oft erst nach intensiver Betrachung der beiden in Fernost produzierten Geräte auf. So erkennt man beim neuen Rechner auch eine glatter erscheinende Oberfläche. Und auf dem BNE001BK ist das Braun-Logo in seiner aktuellsten, gerundeten Version zu sehen – vom ET 66 sowie von seiner Schutzhülle prangt noch das Logo aus den 50er Jahren.

Das Dusville-Urteil:
Wer einen PC oder ein Smartphone hat, verfügt auch über einen virtuellen Kalkulator. Wer dennoch für einfachere Rechenaufgaben des Alltags einen angenehmen und schicken Taschenrechner zum Anfassen sucht, ist mit dem Braun BNE001BK bestens bedient. Seinem Vorbild von 1987 zeigt er sich insgesamt keineswegs unterlegen. Und auch der Preis stimmt: Im Netz bekommt man ihn schon für 15 Euro. Den Haltbarkeitscheck zur Replika können wir aber leider erst in knapp 30 Jahren nachliefern.

Buch: Architektur ist unser Leben

Von Ingo Schiweck

Die Baukunst ist ein Pfund, mit dem das an Problemen nicht gerade arme Ruhrgebiet wuchern kann. Eine Kommune, die das schon relativ früh erkannt hat, ist Gelsenkirchen. Die Stadt von Schalke 04 und … Schalke 04 war in den 1980er Jahren unter den ersten, die lieferten, als feststand, daß eine Reihe von Ruhrgebietsstädten einen eigenen Architekturführer publizieren sollten. Die vom Strukturwandel gebeutelte Stadt hat auch schon längst insbesondere die Backsteinbauten der 1920er für ihre Öffentlichkeitsarbeit entdeckt. Jetzt ist ein Architekturband zur Baukultur in Gelsenkirchen erschienen – Titel: Hütte und Paläste. Das Buch, herausgegeben von der Stadt in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architekten, ist eine opulente Hommage an die Baukunst vor Ort. Großformatig kommt es daher, ausgestattet mit zahlreichen Farbfotos von Thomas Robbin, der im Hauptberuf Gelsenkirchener Stadtplaner ist.

„Architektur in Gelsenkirchen beginnt erst richtig in den zwanziger Jahren“, hieß es im GE-Architekturführer von 1985. Hütten und Paläste zeigt jetzt aber bewußt auch Highlights aus der Zeit davor, als Gelsenkirchen bereits Montan-Boomtown war und durch Zuwanderung sowie durch Eingemeindungen enorm wuchs. Da ist zum Beispiel die ab 1873 entstandene und bis heute gut erhaltene Bergarbeitersiedlung Am Eichenbusch/Hördeweg – aber auch ein Prunkbau wie das Rathaus des 1928 mit Gelsenkirchen verschmolzenen Buer von 1910–12 wird präsentiert. Die dann folgende Phase mit dem auch heute noch die Öffentlichkeit stark ansprechenden Backsteinexpressionismus ist mit zahlreichen Zeugnissen vertreten. Darunter befinden sich Alfred Fischers kürzlich etwas zu Tode modernisiertes Hans-Sachs-Haus (1924–27) und die inzwischen profanierte katholische Pfarrkirche Heilig Kreuz (1927–29) von Josef Franke im Stadtteil Ückendorf.

Die nach den Kriegszerstörungen dominierende und oftmals ungeliebte Architektur des Wiederaufbaus ist in diesem Buch deutlich unterrepräsentiert. Zum Beispiel findet sich keines der Gebäude eines Ludwig Schwickert in dem neuen Bildband. Umso stärker fallen die wohl berücksichtigte Altstadtkirche (1955/56) und die Friedenskirche (1957–59) des aus dem Gelsenkirchener Stadtteil Schalke stammenden Denis Boniver ins Auge. Beide moderne Sakralbauten gehen kreativ mit Backstein um. Bei der Friedenskirche ist zudem die enge Verwandtschaft mit Otto Bartnings legendärer runder Essener Auferstehungskirche aus den Jahren 1929/30 unverkennbar. Ganz am Ende des Buchs findet sich zum Glück auch Werner Ruhnaus kubisches Musiktheater mit seiner gläsernen Vorhangfassade (1956–59). Das Haus mit integrierten Kunstwerken von zum Beispiel Yves Klein und Jean Tinguely ist allein schon eine Reise ins Ruhrgebiet wert.

Eigentlich ist Nachkriegsarchitektur im Buch dann erst ab den 1990er Jahren wieder in größerem Umfang vertreten. Dabei kann der Leser einige Entdeckungen machen. Beispielsweise fasziniert die „Grimberger Sichel“ (Architekten: schlaich bergermann partner). Die sichelförmige Fußgänger- und Fahrradbrücke über den Rhein-Herne-Kanal hat eine Spannweite von circa 150 Metern und ist mehrfach preisgekrönt. Ebenfalls sehr inspirierend: die 2009–11 errichtete Zentrale von Mr. Chicken. Das durch seine großen Fenster angenehm transparent wirkende Gebäude des Büros ArchiFactory, an dem jeder vorbeikommt, der mit dem Auto von Süden her ins Gelsenkirchener Zentrum möchte, überrascht mit einer jeweils individuellen Form der gegeneinander versetzten Geschosse.

Das Dusville-Urteil:
Daß die 70 vorgestellten Objekte nicht chronologisch geordnet sind, kann irritieren, führt aber eben möglicherweise auch zu überraschenden Trouvaillen beim Blättern durch dieses wirklich empfehlenswerte Buch. Ein Lob verdienen die prägnanten Texte der Dortmunder Architekturhistorikerin Alexandra Apfelbaum zu den verschiedenen Zeugnissen der Baukunst. Sie ergänzen die tollen Fotos von Thomas Robbin hervorragend.

Stadt Gelsenkirchen (Hrsg.), Hütten und Paläste. Baukultur in Gelsenkirchen, avedition, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-89986-240-9, 216 S., € 39,–.