Düsseldorf: Hilfe, Hbf!

Von Ingo Schiweck

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof mit seiner direkten Umgebung ist wirklich ein außergewöhnlich unwirtlicher, dreckiger und häßlicher Ort: Wer dort eintrifft, bekommt den denkbar schlechtesten Eindruck von Düsseldorf und möchte die Stadt möglichst schnell wieder verlassen. In den vergangenen Wochen haben Abrißarbeiten an der Südwestseite des Gebäudes den Aufenthalt für die 250.000 Reisenden, die hier täglich kürzer oder länger weilen, noch unattraktiver als sonst gemacht. Und nicht nur deren Aufenthalt, sondern auch ein Stück Düsseldorf. Attraktive historische Substanz ist verlorengegangen – sicherlich nicht vergleichbar mit dem Verlust der nur unter heftigem Bürgerprotest abgerissenen Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs in den Jahren 2010–12, aber ein bißchen Aufregung hätte man sich darob denn doch gewünscht. Zumal fraglich ist, ob etwas Erstrebenswertes an die Stelle des Abgerissenen tritt, etwas, das den Aufenthalt in der Bahnhofsgegend wirklich angenehmer macht.

Der in den Jahren 1932 bis 1936 errichtete Hauptbahnhof der Altbiermetropole war von Beginn an nicht unumstritten. Dem langgestreckten sachlichen Backsteinbau mit dem markanten Uhren- und ehemaligen Wasserturm mußte der neobarocke Vorgänger weichen. Der war zwar erst 1891 eröffnet, aber schon lange als zu klein kritisiert worden. Düsseldorfer Architekten hatten nun auch an dem Entwurf von Eduard Behne für den Neubau so einiges auszusetzen, doch der Protest blieb weitgehend unberücksichtigt. So kam es zu Abriß und Neubau, aber keine drei Jahre nach Fertigstellung des neuen Düsseldorfer Bahnhofs begann der Zweite Weltkrieg, und damit wurden alliierte Flieger regelmäßige Gäste im Düsseldorfer Luftraum. Der frischerrichtete Bahnhof wurde stark zerstört. In den 1950er Jahren erfolgte der Wiederaufbau. Umfangreiche Umbauarbeiten in den 1980er Jahren machten aus dem Hauptbahnhof dann ein Renommierobjekt der Bundesbahn, was man dem Bau heute – trotz einiger späterer Kosmetik – nicht mehr anmerkt. Bei den Umbauaktivitäten, die nicht viel Altes verschonten, blieb zumindest die Fassade erhalten, die dann auch gleich 1985 in die Denkmalliste aufgenommen wurde. Die Lieblosigkeit im Umgang mit der historischen Substanz des Gebäudes fand in der Ignoranz jeglicher planerischer und ästhetischer Ansprüche auf dem Bahnhofsvorplatz ein Geschwisterchen. Die dauerhafte Plazierung von häßlichen Verkaufscontainern vor dem Haupteingang des Gebäudes kann stellvertretend dafür genannt werden.

Prominentestes Opfer der aktuellen Abbrucharbeiten am Hbf Düsseldorf ist die ehemalige Wache der Bundespolizei mitsamt der benachbarten eleganten Eckrundung, die sie mit dem Bahnhof verband. Diese historischen Backsteinbauten sind leider in den 80er Jahren explizit nicht mit unter Denkmalschutz gestellt worden, obwohl sie stilistisch und von der Ausführung her hervorragend an den Bahnhof anschlossen. Für den Eigentümer der für die Deutsche Bahn AG „nicht mehr betriebsnotwendigen Liegenschaft“, wie es auf beamtendeutsch heißt, ist dieses aus Sicht des Historikers beklagenswerte Versäumnis ein Glücksfall. Obwohl: Auch Düsseldorfer Denkmalschutz hätte ja nicht unbedingt tatsächlich geschützt, wie wir spätestens seit dem Abriß des Tausendfüßlers wissen. Der Eigentümer, das ist übrigens seit Ende 2007 nicht mehr der Bund, sondern die börsennotierte Immobiliengesellschaft CA Immo. Diese Gesellschaft ist zum Beispiel mitverantwortlich für ein Projekt wie den Frankfurter Büroklotz Tower 185, in dem das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PwC seine Deutschland-Zentrale hat, oder das ebenfalls in Frankfurt am Main angesiedelte Einkaufszentrum Skyline Plaza – laut FAZ der „Geheimtipp für alle, die freundlich bedient werden und in Ruhe einkaufen wollen“, wobei die Betonung zum Mißvergnügen vieler Einzelhändler auf „Ruhe“ liegt.

Campino in Buenos Aires
Schon historisch: Die ehemalige Wache der Bundespolizei und die elegante Rundung sind inzwischen ganz abgerissen worden. (Foto: Ingo Schiweck)

CA Immo spekuliert jetzt auf eine Umgestaltung des gesamten Düsseldorfer Bahnhofsvorplatzes. Ihr bislang nur für Bahnzwecke nutzbares Grundstück will sie entwidmen lassen, Anfang 2016 könnte ein Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Areals ausgeschrieben werden. Wir erinnern uns aber: Schon 2005 hatten sich 20 Teams an einem Planungswettbewerb zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes beteiligt. Das sensationelle Ergebnis damals, so die Stadt Düsseldorf: „Der von der Stadt ausgeschriebene Wettbewerb zur Neugestaltung des Konrad-Adenauer-Platzes hat zu keinem Ergebnis geführt.“

So wünschenswert eine Umgestaltung der direkten Umgebung des Bahnhofs auch ist: Nach 18 Uhr verwaiste Büros und überflüssige zusätzliche Konsummöglichkeiten, wie sie angesichts der Involvierung eines Unternehmens wie CA Immo befürchtet werden müssen, wären kein städtebaulicher Gewinn und würden wie eine zusätzliche Verhöhnung der geopferten Bauten wirken. Bange fragen wir uns auch, welche architektonische Zumutung uns bei einer Umgestaltung wohl erwartet: Micky-Maus-Architektur wie im Falle des Kö-Bogens, eine Kopie osteuropäischer Aufmarschplätze wie bei den Düsseldorf Arcaden oder vollkommen gesichtslose Bauten wie die Bilker Höfe? Verwaltung und Politik in Düsseldorf haben es bis zu einem gewissen Grad mit in der Hand, ob es in Zukunft eine positive Erfahrung ist, in der NRW-Landeshauptstadt mit dem Zug einzutreffen. Diejenigen, die an den städtischen Hebeln sitzen müssen sich aber ihrer Einflußmöglichkeiten bewußt sein und verantwortungsvoll von ihnen Gebrauch machen – zugunsten eines lebenswerten Düsseldorfs.

Buch: Sing wie Freddy oder Jenseits des Erträglichen

Von Ingo Schiweck

Frühere deutsche EMI-Electrola-Mitarbeiter bekommen noch heute feuchte Augen, wenn die Sprache auf Heino kommt. Der Sänger mit dem hochblonden Toupet und der tiefdunklen Sonnenbrille hat ihnen schließlich mit seinen – wie es heißt – über 50 Millionen verkauften Platten zu einem Häuschen im Grünen verholfen. Besonders in den 1970er Jahren blühte der Enzian allenthalben blau, war die Haselnuß besonders schwarzbraun und ertönte der Ruf „Karamba, Karacho, ein Whisky“ ständig.

Heino, der betont deutsche Volksmusikbarde mit der Baritonstimme, verkörperte aber bald für viele auch das musikalische Feindbild par excellence. Er sang Lieder, die den 68ern suspekt erscheinen mußten, unterstützte die CDU im Wahlkampf, sang im Auftrag der Regierung des ehemaligen Nazi-Richters Filbinger die Deutschland-Hymne mit allen drei Strophen und trat fröhlich im Apartheidsstaat Südafrika auf.

Auch nach dem Abflauen der kontinuierlichen Erfolge ist Heino immer wieder zurückgekehrt und hat von sich reden gemacht hat. Daß er seine eingangs erwähnten markanten Accessoires den Moden nicht angepaßt hat, hat ihn im nationalen Bewußtsein tief verankert – sein Bekanntheitsgrad dürfte an der 100-Prozent-Marke kratzen. Zuletzt hat er auf Rocker gemacht und mit gecoverten Rock-, Pop- und Hip-hop-Songs (Mit freundlichen Grüßen) 2013 Platz eins der Albumcharts erreicht. Daß man da auch mal wieder eine Autobiographie veröffentlichen kann, bedingen die Gesetze des Marktes. Bei Bastei Lübbe ist deshalb vor kurzem Mein Weg erschienen.

Heino_-_Oktoberfest_2012, Foto Usien
Ein echter Rocker halt: Heino im Jahr 2012 auf dem Oktoberfest. (Foto: Usien; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Ehrlichkeit gilt ja gemeinhin als Tugend. Bei diesem schnell dahingeklatscht wirkenden Buch stellt sich aber die Frage, warum ein professioneller Lektor oder zumindest ein guter Freund dem inzwischen 76jährigen Heino nicht Einhalt geboten hat. Heino alias der gelernte Bäcker und Konditor Heinz Georg Kramm aus Düsseldorf-Oberbilk berichtet hier freimütig von einer Peinlichkeit nach der nächsten. Besonders einprägsam ist die Szene, in der seine außereheliche Tochter vor der Tür steht und Papa Heino vor dem Mädchen flüchtet. Und wie er beklagt, daß er kein Bundesverdienstkreuz bekommen hat, ist nur schwer zu ertragen. Ein weiterer Tiefpunkt: Allen Ernstes sinniert er in dem Buch über seine Gemeinsamkeiten mit Elvis Presley, und mit seiner dritten Frau Hannelore will er tatsächlich darüber nachgedacht haben, „wie es wohl wäre, mir in Las Vegas etwas aufzubauen und dort vielleicht eine eigene Show zu machen“. Da Las Vegas aber viel zu weit von Deutschland entfernt sei, hätten sie die Pläne wieder verworfen.

Beachtliche Überlegungen für einen, der seine Plattenkarriere als Freddy-Quinn-Imitator begonnen hat. Nachdem er inzwischen beim Tingeln von Ralf Bendix (Babysitter-Boogie) entdeckt worden war, bekam er von Bendix im Studio zu hören: „Sing einfach so wie Freddy Quinn.“ Und tatsächlich: Wer die A-Seite seiner ersten Single von 1966, 13 Mann und ein Kapitän, hört, erkennt schnell, daß es sich um einen ziemlich dreisten Abklatsch von Freddys Nummer-eins-Hit Hundert Mann und ein Befehl handelt. Viel relevanter wurde denn auch die Rückseite mit dem Titel Jenseits des Tales. Text: Börries von Münchhausen, von Adolf Hitler 1944 in die „Gottbegnadeten“-Liste aufgenommen. Das Heino-Erfolgsrezept war kreiert: Man nehme aus der „guten alten Zeit“ bekannte Volks- oder Seemanslieder und unterlege diese mit zackigem Geschrammel und Chor. Kombiniert mit ganz ähnlich klingenden Songs, die exotisch wirkende Elemente aus Nord, Mittel- und Südamerika verwenden, konnten dann problemlos zahlreiche Heino-LPs zusammengestellt werden. Das starre Imitieren von Freddy Quinns Gesangsstil hat Heino übrigens bis heute nicht aufgegeben.

Was sein bislang letztes Comeback betrifft: Man hat fast den Eindruck, der Mann glaubt tatsächlich, eine Lederjacke und ein paar gecoverte Songs machten aus ihm einen Rocker. Kreischende Teenager und gröhlende Metal-Fans tragen zu einem solchen möglichen Glauben erheblich bei. Das kommt heute dabei heraus, wenn alles nur noch relativ und damit beliebig ist. Statt der Sache angemessen zu sagen, „Verpiß dich mit deiner Scheiße“, gibt es noch unreflektierten Applaus.

Das Dusville-Urteil:

Zumindest ich will hier nicht relativieren: Heinos Buch Mein Weg ist banaler, mit Peinlichkeiten garnierter Mist in klassischem Heino-Schwarzbraun. Ich kann es – und das wird jetzt niemanden mehr überraschen – nicht empfehlen.

Die Dusville-Wertung: 1/10

Heino, Mein Weg, Bastei Lübbe, Köln 2015, ISBN 978-3-7857-2532-0, 304 Seiten, € 19,99.

CDs: Soul to Soul

Von Ingo Schiweck

„Scheiße, sieht der gut aus“, muß ich oft denken, wenn ich Fotos oder Filmaufnahmen von Sam Cooke sehe. Daß besonders Frauen aller Hautfarben dem US-Sänger zu Füßen lagen, als er Anfang der 1960er Jahre ein Superstar war, kann ich sehr gut nachvollziehen. Und im Gegensatz zu vielen heutigen Gesangsstars sah Cooke nicht nur gut aus, sondern er sang zudem tatsächlich großartig und schrieb auch noch selbst ewig frische Hits wie „You send me“, „Chain Gang“ oder „A Change is gonna come“. Daß er als Schwarzer im Amerika der Rassentrennung immer wieder Demütigungen ausgesetzt war – auch nachdem er große mediale Bekanntheit erlangt hatte –, wird oft vergessen. Und wie sehr er als erfolgreicher schwarzer Unternehmer ganz praktisch die Ziele der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gelebt und damit unterstützt hat, ist vielen auch nicht bewußt. Drei vor kurzem erschienene CD-Veröffentlichungen erinnern nun wieder daran, daß der Mann, der in den USA als Sänger bis zu seinem frühen Tod Ende 1964 zwei Dutzend Top-40-Hits gehabt hat, Gründer und Leiter einer eigenen Plattenfirma namens SAR Records war.

„SAR“ stand für Sam und seine Partner J. W. Alexander und S. Roy Crain; gemeinsam hatten sie schon den Musikverlag Kags Music gegründet. Der Ausstoß des in Los Angeles beheimateten Labels begann 1959 – im Jahr, in dem Berry Gordy in Detroit das Motown-Label gestartet hat. Den Anfang bei SAR Records machten Aufnahmen der Soul Stirrers, also der Gospelgruppe, deren sensationell attraktiver Leadsänger Cooke gewesen war, bevor er sie 1957 als 26jähriger verließ, um mit säkularer Musik ein breiteres Publikum zu erreichen. Die einflußreiche Gruppe, deren Geschichte bis in die 1920er Jahre zurückreicht, war eine der ersten auf der Gospeltour gewesen, die von reinem A-cappella-Gesang auf Instrumentalbegleitung umgestiegen waren. Die Doppel-CD mit ihren SAR-Aufnahmen, „Joy in my Soul“ betitelt, zeigt sehr schön, wie der Produzent Sam Cooke seinen alten Kollegen nun zum Teil auch Streicher („God is standing by“) und eine Querflöte („Oh Mary, don’t you weep“) verpaßt hat. Cooke diente den fünf Soul Stirrers sogar weltliches Material an, so nahmen sie den Nat-King-Cole-Hit „Looking Back“ aus dem Jahr 1958 auf. Und aus dem wenige Monate vorher bei SAR Records von den Simms Twins aufgenommenen „Soothe me“ – bekannter sind die Einspielungen von Cooke selbst und die des Soul-Duos Sam & Dave – wurde im September 1961 der Gospelsong „Lead me Jesus“.

Wie umgekehrt mit teilweise nur geringfügigen Veränderungen aus Gospelsongs Produktionen wurden, die auf die R&B- und Pop-Charts zielten, kann man anhand der zweiten SAR-CD nachvollziehen. Titel: „The Valentinos. Lookin’ for a Love“. Die Valentinos waren eigentlich die fünf Brüder Womack, die, wie zuvor Sam Cooke selbst, durch die Lande reisten und mit Gospel-Auftritten einigermaßen über die Runden kamen. Ihre ersten Aufnahmen bei SAR 1961 waren auch reine Gospelsongs. Im Jahr darauf wurde aber aus ihrem „Couldn’t hear nobody pray“ der Charterfolg „Lookin’ for a Love“ (Billboard R&B #8, Pop #72). Dessen Neueinspielung von 1973 sollte sich als Bobby Womacks größter Solo-Soulhit entpuppen. Auf der Rückseite der Single von 1962: „Somewhere there’s a Girl“, kurz zuvor noch „Somewhere there’s a God“ geheißen. Und die Womack Brothers nannten sich dazu nun popmarktgerechter „The Valentinos“. Musikgeschichtlich ebenfalls interessant: Das von Bobby und seiner Schwägerin Shirley Womack geschriebene „It’s all over now“ wurde in der von den Valentinos aufgenommenen Version in den Charts gestoppt, als die Rolling Stones ihre etwas countryeske und zugleich aggressivere Fassung lancierten. Für die Stones bedeutete das Lied 1964 den ersten Nummer-eins-Hit in Großbritannien; in den USA stieg die Single immerhin bis auf Platz 26. Der wütende Bobby Womack wurde mit einem saftigen Tantiemenscheck besänftigt. Etwa zur gleichen Zeit heiratete Womack Sam Cookes Witwe Barbara, bald darauf startete er seine Solokarriere.

Zu einer solchen Karriere hat es bei L. C. Cooke, Sams jüngerem Bruder, nie gereicht. Der SAR-Chef hat L. C. eine Reihe von Aufnahmen machen lassen, aus denen – nach Single-Veröffentlichungen – ein Album werden sollte. Das hat aber, mit Bonustiteln, erst jetzt in Gestalt der dritten CD der SAR-Reihe, „L. C. Cooke. The Complete SAR Records Recordings“, das Licht der Welt erblickt. Der heute über 80jährige L. C. besaß eine Stimme, die einen unweigerlich an die seines musikalisch bedeutend interessanteren und vom Aussehen her attraktiveren Bruders erinnert. Damit hat er immer wieder – gefühlt manchmal auch nur knapp, wie bei „Sufferin’“ oder „Put me down easy“ – an einem Erfolg vorbeigesungen. Die von ihm aufgenommenen Songs gehören leider allesamt nicht zu den besten SAR-Produkten, von denen wir dagegen auf den beiden anderen CDs genug finden.

L. C. Cookes Aufnahmen blieben so lange in den Archiven, weil mit dem unwürdigen gewaltsamen Tod von Bruder Sam in einem Motel auch die SAR-Records-Geschichte endete. 50 Jahre nach dem Untergang von SAR Records muß man leider feststellen: Die USA haben immer noch ein ernstes Rassismusproblem, und in der Welt der Plattenfirmen sind schwarze Entscheider nach wie vor unterrepräsentiert.

Das Dusville-Urteil:

Knallharte Sam-Cook-Fans wollen alle drei SAR-CDs haben. Sie bringen neben einem noch mal etwas aufpolierten Klang und schönen Booklets mit Texten von Bill Dahl bzw. Cooke-Biograph Peter Guralnick eine ganze Reihe von Aufnahmen, die auf dem 2-CD-Set „Sam Cooke’s SAR Records Story 1959-1965“ von 1994 nicht enthalten oder sogar noch unveröffentlicht waren. Besser bei der „SAR Records Story“: Die bedeutend stärkere Berücksichtigung von „studio chatter“. Normalerweise sind die Sprachschnipsel aus den Aufnahmesessions ja belanglos, hier aber erkennt man, wie sehr Sam Cooke der Chef war und wie genau er artikuliert hat, was er von seinen Künstlern (hören) wollte. Wenn die dann umsetzten, was Cooke sich vorgestellt hatte, kam zur Belohnung eine solide produzierte Platte dabei heraus. Hörer, die nicht zu den riesigen Cooke-Fans zählen, können mit Gewinn besonders zum Soul-Stirrers-Set, aber auch zu der Valentinos-CD greifen. L. C. Cookes Aufnahmen sind dagegen eher verzichtbar.

Die Dusville-Wertung:

                            The Soul Stirrers      The Valentinos     L. C. Cooke

Musik                            8/10                              6/10                         4/10

Klang                             7/10                              7/10                         7/10

Ausstattung               9/10                              9/10                        6/10

Relevanz                      7/10                              7/10                        4/10

Gesamt                         8/10                              7/10                        5/10

 

Doppel-CD The Soul Stirrers, Joy in my Soul, ABKCO, 8257-2, 2014. Liner Notes von Bill Dahl

CD The Valentinos, Lookin’ for a Love, ABKCO, 8259-2, 2014. Liner Notes von Bill Dahl

CD L. C. Cooke, The Complete SAR Records Recordings, ABKCO, 5050-2, 2014. Liner Notes von Peter Guralnick

Buch: Amsterdamer Schule in Rietvelds Utrecht

Von Ingo Schiweck

Mit der niederländischen Stadt Utrecht verbinden wir so einiges: die Uni zum Beispiel, die mittelalterliche Innenstadt mit dem Dom und den Frieden von Utrecht. Ja, und Architekturfreunden wird auch sofort der große Möbeldesigner und Architekt Gerrit Rietveld einfallen, dessen Leben in Utrecht begann und auch dort endete. Weltberühmt ist sein Utrechter Rietveld-Schröder-Haus von 1924/25, das als Manifest von De Stijl und damit als Ikone der Moderne zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. An die Amsterdamer Schule denken aber die wenigsten, wenn die Sprache auf Utrecht kommt.

Die Amsterdamer Schule, die dem Rationalismus des damaligen architektonischen Übervaters Berlage Expressionismus, Romantik und Phantasie entgegegensetzte und eine „vertieft-persönliche Schönheit“ anstrebte, wie es Jan Gratama 1916 zusammengefaßt hat, ist ja eine Architekturbewegung, die schon nach einer ganz anderen Stadt – der niederländischen Hauptstadt eben – benannt ist. Und die berühmtesten Bauten dieser Strömung der Jahre 1910 bis 1930 stehen schließlich auch in Amsterdam. Das Scheepvaarthuis von Joan van der Meij schräg gegenüber dem Amsterdamer Hauptbahnhof etwa oder die „Arbeiterpaläste“ des früh gestorbenen Genies Michel de Klerk in der Spaarndammerbuurt sind weltweit nicht nur Architekturexperten ein Begriff. Die Amsterdamer Gebäude beeindrucken mit einer teils sehr lebhaft modellierten Außenhaut, hauptsächlich aus dem traditionellen Material Backstein, mit Turmelementen und mit oftmals freundlichen Farben, die so ganz anders wirken als die bisweilen geradezu düstere deutsche Ziegelarchitektur jener Jahre. Die Bauten der Amsterdamer Schule bieten phantasievolle Ornamente, aus Backstein oder von Bildhauern in Werkstein ausgeführt, die ihre Vorbilder häufig in der Natur hatten; nicht selten sind an den Gesamtkunstwerken der Schule auch mit großem Geschick hergestellte schmiedeeiserne Elemente zu finden, beeindruckend geformte Fensterrahmen aus Holz und verwirrend bunte Bleiglasfenster.

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Utrechter Schule: Das ehemalige Schulgebäude in der Noordzeestraat zu Utrecht könnte auch in Amsterdam stehen. (Foto: Ingo Schiweck)

Die Bewegung, die so gebaut hat, blieb nicht auf Amsterdam beschränkt, sondern sie konnte sich über die gesamten Niederlande ausbreiten. Und so finden wir tatsächlich auch in Utrecht, der viertgrößten Stadt des Landes, Zeugnisse der Amsterdamer Schule. Ein kleiner Wander- und Radführer mit Spiralbindung, der vor kurzem beim niederländischen Print-on-Demand- und Selfpublishing-Dienstleister Free Musketeers erschienen ist, zeigt, daß es sich dabei um weitaus mehr handelt, als um die üblichen Verdächtigen. Neben der ehemaligen Hauptpost von Joseph Crouwell mit ihrer beeindruckenden Halle oder der alten Polizeistation an der Tolsteegbrug rücken so auf den vier im Führer enthaltenen Routen weniger bekannte Highlights wie der Wasserturm am Neckardreef und die frühere Schule in der Noordzeestraat aus dem Jahr 1926 in den Fokus. Das ist das Verdienst des Büchleins. Leider läßt sich darüber hinaus nicht viel Positives sagen: Über die Geschichte und Geschichten hinter den Gebäuden erfährt der Nutzer wenig, die Fotos sind nicht immer gelungen, und wenn man im Führer ein bestimmtes Gebäude sucht, kann das dauern.

Das Dusville-Urteil:

Die Idee ist gut, die Umsetzung weniger. Es wäre besser gewesen, ein richtiger Verlag mit richtigem Lektorat hätte sich an das Projekt gewagt. Immerhin scheint beim Publikum Interesse an dem Führer zu bestehen, denn bei Free Musketeers zählt er, wenn man der Website des Anbieters glauben darf, seit Monaten zu den Top fünf der bestverkauften Titel.

Die Dusville-Wertung: 5/10

Ronald Elink Schuurman/Bob Lodewijks, De Amsterdamse School in Utrecht. Vier Wandel- of Fietsroutes door de Stad, Free Musketeers, Zoetermeer 2014, ISBN 9789048433971, 136 Seiten, € 15,95.

Buch: Neuerer zwischen den Welten

Von Ingo Schiweck

„Ich bin ein Augenmensch“ lautet der Untertitel von Norbert Grobs Fritz-Lang-Biographie – wie schrecklich muß es für den „Metropolis“-Regisseur und Kosmopoliten Lang gewesen sein, daß er in den letzten Jahren seines Lebens so gut wie blind war.

Fritz Langs Aufstieg, wie ihn Norbert Grob in seinem Buch beschreibt, ist schon ziemlich erstaunlich. Da zieht ein kunstbegeisterter junger Wiener aus gutem Hause nach München und Paris, dann als k.-u.-k.-Soldat in den Krieg, und 1918 kann er neben seinen soldatischen Aktivitäten schon als Drehbuchautor und Dramaturg für Erich Pommers Berliner Filmproduktionsgesellschaft Decla arbeiten. Mit dem Stummfilm „Der müde Tod“ erlebt er nur drei Jahre darauf seinen Durchbruch als Regisseur. Schon der Anfänger Lang ist ein besessener technischer wie ästhetischer Neuerer, ein radikaler Moderner, einer mit Sinn für Abgründiges.

Und der dem Luxus zugetane junge Regisseur avanciert zum Star: Mit seiner zweiten Frau, der Drehbuchautorin Thea von Harbou, bildet der Mann mit dem Monokel am linken Auge ein Traumpaar der Berliner Gesellschaft. Mit dem großartigen Social-Fiction-Klassiker „Metropolis“ (1927) dreht er den teuersten Film der Weimarer Republik und ein großes finanzielles Desaster für die Produktionsgesellschaft Ufa. Mit „M“ (1931) – von vielen gar als wichtigster deutscher Film aller Zeiten betrachtet – kommt Lang auch in der Tonfilm-Ära an.

Im nationalsozialistischen Deutschland will der Deutschösterreicher Lang, dessen „Testament des Dr. Mabuse“ (1933) verboten wird, nicht bleiben. Er emigriert über die Zwischenstation Frankreich in die USA. In Berlin noch ein politischer Ignorant, engagiert sich Lang in Hollywood gegen die Nationalsozialisten – finanziell, aber auch mit Filmen wie „Man Hunt“ (1941) und „Hangmen also die!“ (1943). Nach dem Krieg wird er, der 1939 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, deswegen in den Fokus des Komitees für unamerikanische Umtriebe geraten. Norbert Grob schildert, wie Lang trotz seiner großen europäischen Erfolge in den USA immer wieder kämpfen muß, um Filme drehen zu können. Und wie er sich dazu anpaßt, ohne sich selbst untreu zu werden.

1946 ist Fritz Lang auf dem Höhepunkt seiner Karriere in Hollywood, wo er neben dem Film seiner zweiten Obsession, den Frauen, ausgiebig frönt. Dann aber scheitert er mit seiner erst kurz zuvor gegründete Produktionsgesellschaft und wird von vielen in der amerikanischen Filmmetropole gemieden. Um im Geschäft zu bleiben, dreht er relativ belanglose Genrefilme, darunter den Western „Rancho Notorious“ (1952) mit Marlene Dietrich, einer seiner zahlreichen Affären. Es entsteht aber auch der großartige „The Big Heat“ (1953) mit Glenn Ford. Dieser Streifen über die Macht des organisierten Verbrechens läßt sich als US-Pendant zu seinen deutschen Dr.-Mabuse-Filmen betrachten.

Der Kreis schließt sich vollends, als Lang aus der jungen Bundesrepublik Angebote bekommt und neben den aufwendigen Remakes „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ (1959) „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960) dreht.

Ein Filmprojekt mit Jeanne Moreau kann Lang wegen seiner schwindenden Sehkraft nicht mehr realisieren. Hochgeehrt stirbt er 1976 im Alter von 85 Jahren seinem Haus in Beverly Hills.

Das Dusville-Urteil:

Norbert Grobs Buch liest sich gut und ist eine solide Darstellung von Fritz Langs Leben und Werk. Neues erfährt der Leser über den Regisseur und Menschen Lang aber leider nicht. An so mancher Stelle hätte man sich anstelle eines Zitats aus der Literatur eine eigene Einschätzung des Autors gewünscht. Und einem Buch über einen „Augenmenschen“ hätte schließlich auch mehr Bildmaterial nicht geschadet – jetzt aber wirkt es fast wie bei diesem Beitrag, bei dem wir ganz auf Bilder verzichtet haben.

Die Dusville-Wertung: 7/10

Norbert Grob, Fritz Lang. „Ich bin ein Augenmensch.“ Die Biographie, Propyläen [Ullstein Buchverlage], Berlin 2014, ISBN 978-3-549-07423-7, 447 Seiten, € 26,–.

Buch: Danke, Mettmann!

Von Ingo Schiweck

Was haben Heino und die Toten Hosen gemeinsam? Klar, sie teilen sich die Düsseldorfer Heimat, aber noch auffälliger ist: Sie polarisieren nicht mehr. Die Band, einst als Bürgerschreck gefürchtet, lockt heute auch Berthold von der Rechtsschutzversicherung und sogar Omi und Opi – früher das klassische Publikum eines heute „rockenden“ Heino – in die Stadien. Wenn dann auch die CDU-Führung den Hosen-Hit „Tage wie diese“ trällert, verwundert das nicht weiter.

Mit der vor kurzem erschienenen autorisierten Band-Biographie „Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm“ ist dem Autor Philipp Oehmke im Musikjargon ein Top-ten-Hit gelungen. Dabei werden viele Hardcore-Hosen-Fans vielleicht gar nicht so viel mit dem Werk anfangen können – für sie gibt es ja auch schon mehrere Fotobücher. Aber unter den immer zahlreicher gewordenen Sympathisanten und selbst unter den offenbar nur noch wenigen verbliebenenen Ablehnern werden umso mehr Menschen „Am Anfang war der Lärm“ mit Gewinn lesen. Oehmke hat nämlich eine phasenweise richtig, richtig gute Musikerbiographie geschrieben.

Wer die ersten, etwas belanglosen 40 Seiten überstanden hat, begibt sich mit dem Autor auf eine Reise in die Geschichte der Bundesrepublik. Es ist zunächst eine Reise in die vor den Toren der späteren Hosen-Heimat Düsseldorf gelegenen Kreisstadt Mettmann. In der Jägerzaunidylle Mettmann sollte man nicht alleine sein: Man braucht immer jemanden, der einen zwickt, damit klar ist, daß man noch nicht tot ist. Andreas Frege, der spätere Hosen-Frontmann Campino, und Andreas Meurer, der künftige Bassist Andi bei der Band, lernen sich hier 1976/77 im Hockeyverein kennen. Während die Elterngeneration, die den Nationalsozialismus miterlebt und teilweise auch mitgetragen hat, sich nichts mehr als eine möglichst heile, eine Mettmanner Welt wünscht, begehrt die nachfolgende Generation auf, legt teilweise eine ziemliche Zerstörungswut an den Tag. Der mit einer englischen Mutter gesegnete Campino wird über seinen älteren Bruder John mit Punk infiziert, die Gründung zunächst der Band ZK (1978) mit ihren legendären Auftritten in der Düsseldorfer Altstadt und dann der Toten Hosen (1982) folgen.

Die darauffolgenden Jahre zeigen eine für deutsche Verhältnisse ziemlich einmalige Geschichte mit vielen Höhe- und nur wenigen wirklichen Tiefpunkten. Philipp Oehmke kann aus dem vollen schöpfen, wenn er sehr lebendig die mit Prügeleien und Zerstörungen einhergehenden frühen Konzerte, das für ein niederländisches Mädchen tödlich endende nur angeblich eintausendste Konzert 1997 im Rheinstadion oder die bemerkenswerte Popularität der Gruppe in Argentinien beschreibt. Die vielen Zeitsprünge im Buch irritieren manchmal. Etwas irritierend auch: Kreativitätskrisen, wie sie bei einem Ausstoß von allein 15 Studioalben – darunter acht Nummer-eins-Scheiben – normal sind, werden hier arg überdramatisiert.

Campino in Buenos Aires
Voller Einsatz: Tote-Hosen-Sänger Campino singt und klettert zur Begeisterung von Fans und Fotografen, Buenos Aires 2009. (Foto: Libertinus Yomango; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ )

Sehr hübsch, wenn auch ein bißchen nostalgisch, sind die kleinen historischen Analysen des Autors. Mitte der 1980er Jahre wurde ein Konzert der Hosen auf Helgoland verboten. Die Band nahm trotzdem die Fähre zur Insel, soff und sang auf dem Schiff mit 300 Punks unter den Augen der Polizei und von einem Kameramann gefilmt. Oehmke dazu:

„Wenn man sich die Filmbilder dieser gegenkulturellen Butterfahrt heute anschaut, erkennt man eine Härte, Kompromisslosigkeit und den Willen zum Ärgermachen – ein kompletter Gegenentwurf zur heutigen Ballermann-Kultur und dem Flatrate-Saufen. Früher hatte diese Hingabe an den Alkohol noch eine rebellische Absicht, heute ist sie nur mehr eine Betäubung, weil die Feiernden sich längst mit den Gegebenheiten abgefunden haben.“

Nach 33 Jahren, 17 Millionen verkauften Platten, unzähligen Konzerten und einer Entwicklung vom Punk über Fun-Punk bis zum massentauglichen, dabei aber noch mit Sozialkritik garnierten Rock sind die Toten Hosen ein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Die „größte deutsche Rockband“, wie es im Buch so schön heißt. In ihrer Erfolgsorientierheit und ihrem so deutschen Fleiß können die Bandmitglieder hervorragend mit der Vätergeneration mithalten.

Ihren Manager, Jochen Hülder, der einen wichtigen Beitrag zum großen Erfolg der Gruppe geleistet hat, haben die Hosen vor ein paar Wochen in Düsseldorf zu Grabe getragen. Daß Campino, Andi, Breiti, Kuddel und Vom selbst nicht mehr die Fittesten sind, ist kein Geheimnis. Und so beschleicht einen manchmal das Gefühl, daß das Buch ein Auftakt zum Abschied sein könnte. Aber mal ehrlich: Einen Abschied von den Toten Hosen will sich niemand, besonders niemand, der – wie betäubt auch immer – die 80er Jahre erlebt hat, wirklich vorstellen.

Das Dusville-Urteil:

Philipp Oehmkes Buch ist eine wirklich gut geschriebene Band-Biographie, die selbst derjenige mit Gewinn liest, der vielleicht doch musikalisch so gar nichts mit den Toten Hosen anfangen kann. Talentscouts werden in Zukunft möglicherweise öfter Mettmann ansteuern, aber nur zu zweit.

Die Dusville-Wertung: 9/10

Philipp Oehmke, Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm, Rowohlt Verlag, Reinbek 2014, ISBN 978-3-49-807379-4, 384 Seiten, € 19,95.

Interview: Der letzte Spätheimkehrer

Von Ingo Schiweck

Ich erwische Albrecht Weinberg heute kurz bevor er Besuch von einem NDR-Fernsehteam bekommt. Der Tag wird aber auch schon ohne den Interviewtrubel gut gefüllt sein für den 89jährigen gebürtigen Ostfriesen: ein Krankenbesuch bei einem Bekannten in Oldenburg, ein Treffen mit entfernter Verwandtschaft in Bremen. Und dabei hat er die Nacht kaum geschlafen, denn bis 3 Uhr in der Früh hat sich Weinberg, der fast blind ist, auf 3sat Dokumentarfilme über den Holocaust angehört. Die Dokus über den Holocaust erzählen auch seine Geschichte. Denn Albrecht Weinberg hat als Jude die nationalsozialistischen Konzentrationslager Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen überlebt. Nach 65 Jahren in den USA ist er 2012 zurück nach Deutschland gezogen.

Albrecht, warum bist du nach Deutschland zurückgekommen? Weißt du, ich konnte mit meiner Schwester Friedel 1947 dank einer Hilfsorganisation in die USA einwandern. Das war für uns damals ein wahres Schlaraffenland. Zuvor hatten wir im zerstörten Deutschland Nachforschungen angestellt, wer von unserer Familie überlebt hatte: Das waren nur wir Kinder. Die Eltern waren in Auschwitz vergast worden, viele Onkels und Tanten sowie Cousins und Cousinen auch. Der größte Teil unserer Verwandtschaft war also im Holocaust umgekommen. In den USA konnten wir uns eine Existenz aufbauen, haben Freunde gefunden, von denen die meisten Holocaust-Überlebende waren wie wir. Die haben uns im Gegensatz zu denen, die es nicht erlebt hatten, verstanden.

Alles in allem ging es uns in den USA gut. Als aber 2011 Friedel schwer krank wurde, konnte ich sie als praktisch blinder alter Mann nicht pflegen. Und finanzielle Unterstützung gab es in den USA so gut wie nicht, wir hatten ja keine Kranken- und Pflegeversicherung wie in Deutschland. Die Lage war wirklich verzweifelt. Kontakte in Leer brachten dann die Rettung: Die Stadt hatte in den 1980er Jahren wegen ihres schlechten Gewissens vertriebene jüdische Bürger ausfindig gemacht und eingeladen. Daraus sind Bekanntschaften mit Angehörigen der Nachkriegsgenerationen entstanden, die uns beide nach Ostfriesland geholt haben, als sie hörten, wie schlecht es uns ging. Leider ist Friedel dann bald gestorben.

Albrecht Weinberg, Copyright by Ingo Schiweck
Keine Freunde: Albrecht Weinberg und Martin Luther (Foto: Ingo Schiweck)

War der Umzug für dich eher eine Niederlage oder hast Du die Rückkehr in deine alte Heimat auch als Chance gesehen?                   Es war nicht einfach, hat uns aber vor dem sozialen Abstieg gerettet. Und es war insofern eine unglaubliche Chance, als wir die Gelegenheit bekommen haben, ein ganz anderes Deutschland als das, das uns verfolgt und fast ermordet hatte, kennen zu lernen. Es ist vor allem kaum zu glauben, wie sich die ehemalige Altenpflegerin Gerda Dänekas und ihr Mann Hinrich um mich kümmern. Die beiden sind so was wie Familie für mich geworden.

Welche Rolle spielt Auschwitz heute noch für dich?                       Wenn Holocaust-Dokumentationen im Fernsehen kommen, wie jetzt zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, dann sitze ich innerlich weinend davor. Und auch wenn nichts im TV läuft, sehe ich Tag für Tag schon beim Aufstehen zumindest noch schemenhaft die eintätowierte Häftlingsnummer auf meinem Arm. Bestimmt 90 Prozent meiner Gedanken kreisen um das Erlebte, vor allem um die Menschen, die ich verloren habe. Hier in Leer stehen noch fünf Häuser, in denen meine Verwandten gelebt haben, aber die Menschen sind spurlos verschwunden. Oder fast spurlos, ich habe ja noch ein paar Fotos. Übrigens auch das von Onkel Hermann in deutscher Uniform. Der hat im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und liegt auf einem Soldatenfriedhof in Belgien, unter einem christlichen Kreuz. Das stört mich nicht, denn mit Religion habe ich es nicht so: Den lieben Gott gab es nicht in Auschwitz – und danach auch nicht mehr.

Du hast nie Kinder haben wollen …                                                                   Ja, stell dir doch mal vor, was man mit uns gemacht hat, als wir noch Kinder waren. Der ganze Mist fing schon weit vor den Konzentrationslagern an: Da war ich für die anderen Kinder der „oll Jöd“. Diskriminierung war an der Tagesordnung, und bald durfte ich gar keine normale Schule mehr besuchen. Vor dem Haus meiner Eltern hat man einen Adolf-Hitler-Platz eingerichtet, die dort marschierenden SA-Leute sangen: „Und wenn’s Judenblut vom Messer spritzt …“. Unsere Dokumente waren alle mit dem Schriftzug „Jude“ oder einem „J“ gekennzeichnet. Wir mußten zusätzliche Vornamen tragen, die Jungs und Männer „Israel“, die Mädchen und Frauen „Sara“. Wir bekamen weniger zu essen als unsere nichtjüdischen Mitbürger, und in so manchem Geschäft waren wir nicht mehr erwünscht, weil es plötzlich „rein arisch“ war. Als ich dann 1943 in Auschwitz ankam, war ich gerade mal 18, immer noch ein halbes Kind. Und da begann das Elend erst mal richtig. Also: Warum hätte ich jüdische Kinder in die Welt setzen sollen, denen vielleicht auch wieder so was wie mir passiert wäre?

Auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben die Nationalsozialisten dir abgenommen …                                                                                        Stimmt, aber die habe ich mir im vergangenen Jahr zurückgeholt, das war eine Genugtuung. Vorige Woche bin ich unpassenderweise eingeladen worden: Alle, die in den vergangenen Monaten in Leer eingebürgert worden sind, sollen sich treffen. Ich habe denen geschrieben, daß ich da nichts zu suchen habe, denn ich habe mir mit der deutschen Staatsbürgerschaft nur zurückgeholt, was mir gestohlen worden war. Wie die Behörden das sehen, ist mir piepegal.

Kann es in Deutschland noch mal schiefgehen?                                        Na, schau dir nur mal an, was ständig an Polizei vor den Synagogen stehen muß. Und diese dummen Demonstrationen gegen Einwanderer, die zum Beispiel in Dresden stattfinden, zeigen doch auch ganz besonders deutlich, daß sich die Menschen im Prinzip nie ändern. Die Leute, die alles verderben können, sind unter uns, und das gilt nicht nur für Deutschland.

Buch: Madurodam nach dem Mauerfall

Ich habe den Fall der Mauer verpennt. Erst am nächsten Morgen, im Frühstücksfernsehen von RTL plus, erfuhr ich davon – mitten in den Niederlanden. Ich war 15 und ging als Deutscher in der Nähe von Utrecht zur Schule. Trotz der großen geographischen Entfernung zu den Menschen, die da am Brandenburger Tor plötzlich auf dem Betonwall standen, schossen mir sofort die Tränen in die Augen. Daß die historischen Ereignisse für Deutschland gravierende Folgen haben würden, war mir bei allen Emotionen klar. Daß sich auch für die Niederlande in den kommenden Jahren einiges ändern sollte, darüber habe ich mir zunächst kaum Gedanken gemacht.

Ein Vierteljahrhundert später aber ist ein Buch erschienen, das „Na de Val. Nederland na 1989“ („Nach dem Fall. Die Niederlande nach 1989“) heißt und dessen Titel mich – gerade wegen meiner früheren Ignoranz – sofort angesprungen hat. Der Historiker Hanco Jürgens führt dem Leser darin ein kleines Land mit 1989 knapp 15, inzwischen aber fast 17 Millionen Einwohnern vor, das seit dem Mauerfall nicht nur international an Einfluß eingebüßt, sondern im Innern Erschütterungen und Umbrüche erlebt hat. Einige Stichworte sind in diesem Zusammenhang aus dem internationalen Bereich die Abseitsposition der Niederlande bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen auf dem Weg zur deutschen Einheit sowie die EU-Osterweiterung, durch die die Niederlande gefühlt noch kleiner wurden. Innenpolitisch sind eine starke Verunsicherung und Politikverdrossenheit zu nennen, damit einhergehend Phänomene wie der Rechtspopulist Pim Fortuyn und dessen Ermordung oder der rasante Aufstieg von Geert Wilders’ islamfeindlicher Partij voor de Vrijheid.

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Eine Art Buch im Buch ist Jürgens’ Behandlung der deutsch-niederländischen Beziehungen bzw. der Entwicklung des Deutschlandbildes der Niederländer und ihrer Selbstwahrnehmung. Jürgens schildert noch mal alle Schwierigkeiten von der „zweiten Befreiung“ bei der Fußball-EM 1988, dem niederländischerseits mit Skepsis verfolgten Wiedervereinigungsprozeß, den Problemen zwischen Kanzler Kohl und Premier Lubbers und deutschkritischen Umfrage-Ergebnissen bis zum heutigen Stand der Dinge. Deutschland, mit dem die Niederlande wirtschaftlich und politisch, auf der Mikro-Ebene nicht selten auch familiär eng verwachsen sind, nimmt inzwischen in den Niederlanden in vielerlei Hinsicht eine Vorbildfunktion ein (sogar beim Fußball!), Berlin wird als sexy wahrgenommen und zwischen den aktuellen Regierungschefs stimmt die Chemie. Nach 1989 hat es Prozesse gegeben, die das einst so positive Selbstbild der Niederländer, das sich im Prinzip der Einfachheit halber als Abgrenzung von den Deutschen formulieren ließ, erheblich erschüttert haben. Faktoren wie eine kritischere Beschäftigung mit dem Verhalten von Niederländern unter deutscher Besatzung, die Aufarbeitung des Srebrenica-Fiaskos der niederländischen UN-Schutztruppen und ein Erschrecken über das Erstarken des Rechtspopulismus im eigenen Land haben Wirkung gezeigt.

Es ist verständlich, daß Jürgens als Mitarbeiter des Duitsland Instituut Amsterdam die deutsch-niederländischen Beziehungen besonders in den Fokus nimmt sowie die außergewöhnliche, durch die EU-Osterweiterung und die Eurokrise noch gestiegene Relevanz Deutschlands für die Niederlande betont. Die Beziehungen zu anderen, speziell auch zu den kleineren EU-Ländern kommen in „Na de Val“ durch Jürgens’ Fokussierung aber viel zu kurz. Und daß betont wird, es gebe in den Niederlanden eine mit der großen Bedeutung Deutschlands für das Land nicht korrespondierende, ständig gewachsene angelsächsische Orientierung in kutureller Hinsicht, sollte noch mal überdacht werden. Denn: Diese Orientierung beschränkt sich nicht auf die Niederlande und kann deshalb durchaus Gemeinschaft schaffen.

Jürgens legt mit „Na de Val“ keine umfassende Studie zur niederländischen Geschichte der vergangenen 25 Jahre vor. Er präsentiert vielmehr etwas, das wie eine Mischung aus Essaysammlung und Literaturrückblick wirkt: Manche Kapitel erscheinen sehr isoliert, und seitenlang werden Inhalte anderer Bücher referiert. Durch die zahlreichen „Literaturbesprechungen“ bleibt auch vieles abstrakt. Sehr anschaulich wird Jürgens nur, wenn es um die Beschreibung von Amsterdamer Klubs der 1990er Jahre geht, mit Sex, Drogen und Techno. Honi soit qui mal y pense.

Das Dusville-Urteil:

Der Titel „Na de Val. Nederland na 1989“ hält nicht so ganz, was er verspricht – oder zumindest was ich mir davon versprochen habe. Dennoch ist das Buch zu empfehlen, wenn man sich noch mal bestimmte Aspekte der niederländischen und deutsch-niederländischen Entwicklungen nach 1989 in schnell konsumierbarer Form vor Augen führen möchte.

Die Dusville-Wertung: 6/10

Hanco Jürgens, Na de Val. Nederland na 1989, Uitgeverij Vantilt, Nimwegen 2014, ISBN 978-9-46-004193-8, 208 Seiten, € 19,89.

Buch: Schlager + Jazz = Greetje Kauffeld

Von Ingo Schiweck

„Greetje Kauffeld ist eine richtige Musikerin, wie ein Saxophonist, der mitspielt“, hat der Entertainer und Bandleader Götz Alsmann mal gesagt. Und wer die Sängerin hinter der Bühne erlebt, wenn sie nach einem Auftritt mit den anderen Musikern noch ein paar Schnittchen ißt und dazu ein gutes Glas Wein trinkt, erkennt: Die Niederländerin will gar kein Star sein – sheʼs just in it for the music. Obwohl Greetje Kauffeld immer noch ein Diminutiv als Vornamen führt, ist sie gerade stolze 75 geworden und kann auf eine Gesangskarriere zurückblicken, die schon in den 1950er Jahren begonnen hat. Rechtzeitig zum Geburtstag sind ihre Memoiren bei Dusville erschienen.

Als Kind sitzt Greta „Greetje“ Kloet vor dem großen Radio im Wohnzimmer und träumt davon, wie Doris Day mit großer Orchesterbegleitung zu singen. Mit 17 gibt sie 1957 die Sicherheit eines Jobs als Telefonistin für die erträumte Position der Sängerin beim Rundfunkorchester The Skymasters auf. Mit diesem Orchester sammelt sie in den Niederlanden als Greetje Kauffeld – Kauffeld ist der Mädchenname ihrer Mutter – Erfahrung im Radio, Fernsehen und bei zahlreichen Live-Auftritten. Das benachbarte Deutschland mit seinem ungleich größeren Markt und besseren Verdienstmöglichkeiten lockt aber, und so hängt die junge Sängerin auch schon bald den Posten beim Orchester an den Nagel.

In der jungen Bundesrepublik macht sich das blonde Meisje, das 1961 für die Niederlande beim Eurovison Song Contest mit „Wat een Dag!“ („Welch ein Tag!“) Platz zehn belegt, einen Namen als Schlagersängerin. Götz Alsmann, der schon häufiger mit Greetje Kauffeld auftreten durfte, meint: „Greetje ist von allen Schlagersängerinnen der 60er Jahre die jazzigste. Viele andere waren durchaus in der Lage, jazzartiges Singen herzustellen, auch über das Repertoire. Aber Greetje hat die ausgeprägteste Jazzstilistik – egal, was sie singt.“ Zum künstlerischen Glücksfall wird das jazzige „Leider nur eine schlechte Kopie“ (1961), eine Single für ihre erste deutsche Plattenfirma Polydor, mit Musik vom großartigen Orchester Kurt Edelhagen. Der größte und einzige (Solo-)Charterfolg mit Hitparadenplatz 26 jedoch ist ein paar Jahre später das schmalzige „Wir können uns nur Briefe schreiben“, über zwei Liebende, deren Glück offenbar die deutsche Teilung im Wege steht.

Als weiterer Glücksfall und als ungemein dauerhaft wird sich die Zusammenarbeit mit Paul Kuhn erweisen. „Wir schätzen uns beruflich wie privat sehr, ohne übrigens jemals Bettgeschichten miteinander gehabt zu haben“, so Kuhn, der Greetje Kauffeld für eine der „besten deutschsprachigen Sängerinnen“ hielt, im Jahr 2005. Die beiden Jazzfreunde nehmen in den 1960er Jahren bei der Electrola eine ganze Reihe gemeinsamer Schlagerplatten auf. Und obwohl auch mit diesen Duetten der richtig große kommerzielle Erfolg ausbleibt (größter gemeinsamer Hit: „Jeden Tag, da lieb ich dich ein kleines bißchen mehr“, 1964 Platz 42 der deutschen Hitparade), werden Greetje Kauffeld und Paul Kuhn bis zu Kuhns Tod im Jahr 2013 immer wieder miteinander auftreten. Eine Zeitlang machen sie in den 1960er Jahren auch gemeinsam mit Ulrik Neumann und Svend Asmussen die Fernsehsendung „Spiel mit Vieren“.

Kauffelds Schlagerzeit in Deutschland endet 1968. Ein Hineinschnuppern ins harte amerikanische Showbusineß bleibt Episode, zumindest kommt es aber in Los Angeles zu einem für die Niederländerin beglückenden Treffen mit Doris Day, ihrem Idol aus Kindheitstagen.

Auch wenn Greetje Kauffeld sagt, sie sehe sich „weniger als Jazzsängerin wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan, sondern vielmehr als Sängerin, die Titel jazzig interpretieren kann“, so legt sie nach ihrer Rückkehr aus den USA in die niederländische Heimat doch eine beachtliche zweite Karriere im Jazz hin. Unterstützt von ihrem Mann und Produzenten Joop de Roo, nimmt sie ab den 1970er Jahren mit Spitzenmusikern mehrere Platten auf, die zu den Perlen des europäischen Jazz zählen. Beispiele sind das 1974 im Godorfer Rhenus-Studio entstandene Album „And let the Music Play“ sowie „The Song is you“ von 1987. Während 1974 Rob Pronk mit Jerry van Rooyen arrangiert und eine große Besetzung mit Musikern wie Jiggs Whigham, Rick Kiefer oder Ack van Rooyen mit an Bord ist, nimmt Kauffeld die LP „The Song is you“ lediglich mit Gitarrist Peter Nieuwerf und Saxophonist Ruud Brink als Greetje Kauffeld Trio auf. Ein weiteres Highlight: Das Album „My Shining Hour“, 2004 live auf der Muddy’s Club Studiobühne in Weinheim an der Bergstraße aufgezeichnet, ist eine Jazzproduktion, bei der die alten Weggefährten Kauffeld und Kuhn noch mal gemeinsam zeigen können, was sie drauf haben.

Nach vielen Plattenproduktionen sowie unzähligen Auftritten in Deutschland und den Niederlanden – allein 13mal war sie auf dem renommierten North Sea Jazz Festival vertreten – zieht sich Greetje Kauffeld immer noch nicht aufs Altenteil zurück. Mit 75 wagt die gerade mit dem Edison Jazz für ihre Lebenswerk Ausgezeichnete aber eine vorläufige Bilanz und hat dazu ihre erstmals vor fast zehn Jahren erschienenen Memoiren überarbeitet sowie auf den neuesten Stand gebracht. Das neue, 304 Seiten starke Buch kommt unter anderem mit tollen Fotos und einer besonders ausführlichen aktuellen Diskographie daher.

(HD)CD: Flatt & Scruggs Revisited

Von Ingo Schiweck

„The Earls of Leicester“ steht auf dem CD-Cover, und zu sehen sind sechs freundlich dreinblickende Herren mit Hüten und String ties. Solche String ties kennen die meisten von Gary Cooper aus „High Noon“ (1952). Gedacht sind die dünnen Schleifen-Schlipse bei den Musikern aber – ebenso die Kopfbedeckungen – als Reverenz an Lester Flatt und Earl Scruggs, wie schon der augenzwinkernde Bandname andeutet.

The Earls of Leicester klein
Recht freundlich: The Earls of Leicester (Foto: Anthony Scarlati/Rounder Records/Concord Music).

Flatt & Scruggs – das waren zwei kongeniale Musiker, die wesentlichen Anteil an der Entstehung des Bluegrass hatten. Mit ihrer Gruppe The Foggy Mountain Boys schafften sie es sogar, Teil der amerikanischen Popkultur zu werden, man denke an ihren Titelsong zur 1962 gestarteten Sitcom „The Beverly Hillbillies“, „The Ballad of Jed Clampett“, und an die Verwendung des „Foggy Mountain Breakdown“ von 1949 mit Scruggs’ rasantem Banjo-Picking im New-Hollywood-Klassiker „Bonny and Clyde“ (1967).

Die Gruppe zerbrach 1969, Flatt und Scruggs haben inzwischen beide das Zeitliche gesegnet – Scruggs erst 2012 –, aber ihre Musik hat nach wie vor leidenschaftliche Bewunderer. Und Nachahmer. Die Earls of Leicester haben für ihre Platte 14 Titel gewählt, die allesamt von den Foggy Mountain Boys meist in den 1950er Jahren bei Columbia aufgenommen worden sind und seit geraumer Zeit auf CD vorliegen. Die Earls bleiben bei ihrer Interpretation ganz nah an diesen Originalen dran. Bandleader/Produzent Jerry Douglas, hochdekorierter Dobro-Meister und Teil von Alison Krauss’ Gruppe Union Station, schwärmt ja auch über die Initialzündung, als er mit Fiddler Johnny Warren (Sohn von Foggy Mountain Boy Fiddlin’ Paul Warren) und Charlie Cushman (Banjo und Gitarre) bei einer Session zusammenspielte, wie folgt: „Das Banjo, die Fiddle und der Dobro kamen so zusammen, daß es sich genauso anhörte, wie vor so vielen Jahren, als ich zum ersten Mal Flatt & Scruggs gesehen habe.“ Als dann die Earls of Leicester mit Tim O’Brien (Mandoline und Gesang), Barry Bales (Baß und Gesang) und Shawn Camp (Leadgesang und Gitarre) qualitativ hochwertig komplettiert waren, mußten alte Instrumente her, die so gestimmt wurden wie zu Zeiten der Foggy Mountain Boys. Sogar Paul Warrens angebliche Stainer-Violine, die auf so vielen Flatt & Scruggs-Aufnahmen zu hören ist, haben die Earls eingesetzt.

Das Dusville-Urteil:

Was bei den Aufnahmen in einer ehemaligen Kirche in Nashville herausgekommen ist, klingt eingestandenermaßen musikalisch wie klangtechnisch wirklich gut, vom anfahrenden „Big Black Train“ als erstem Titel, über „Dig a Hole in the Meadow“ und „I won’t be hanging around“ bis zum abschließenden „Who will sing for me“. Und wenn dieses Flatt & Scruggs-Projekt tatsächlich, wie von Jerry Douglas selbst suggeriert, dazu führt, daß sich ein jüngeres Publikum mit den großen Vorbildern von Douglas & Co. beschäftigt: wunderbar! Aber es ist gleichzeitig zu hoffen, daß die virtuosen Earls of Leicester in Zukunft Material einspielen, bei dem sie sich die ihrem Können gemäße künstlerische Freiheit gönnen, denn für sich genommen ist ihr Debüt einfach zu wenig originell. Wer Flatt & Scruggs hören will, kann schließlich gleich zu den schönen Originalaufnahmen greifen.

Die Dusville-Wertung:

Musik 8/10

Klang 8/10

Ausstattung 7/10

Relevanz 5/10

Gesamt 7/10

(HD)CD The Earls of Leicester, The Earls of Leicester, Rounder, 11661-35772-02, 2014.

Aufgenommen von Bil VornDick in Studio A von Ocean Way Nashville.

Spieldauer: 38:11

Track List:
1. Big black Train
2. Don’t let your Deal go down
3. I’ll go stepping too
4. Shuckin’ the Corn
5. Till the End of the World rolls ‘round
6. Dig a Hole in the Meadow
7. Some Old Day
8. I won’t be hanging around
9. I don’t care anymore
10. On my Mind
11. You’re not a Drop in the Bucket
12. Dim Lights, Thick Smoke
13. The Wandering Boy
14. Who will sing for me