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Buch: Madurodam nach dem Mauerfall

Ich habe den Fall der Mauer verpennt. Erst am nächsten Morgen, im Frühstücksfernsehen von RTL plus, erfuhr ich davon – mitten in den Niederlanden. Ich war 15 und ging als Deutscher in der Nähe von Utrecht zur Schule. Trotz der großen geographischen Entfernung zu den Menschen, die da am Brandenburger Tor plötzlich auf dem Betonwall standen, schossen mir sofort die Tränen in die Augen. Daß die historischen Ereignisse für Deutschland gravierende Folgen haben würden, war mir bei allen Emotionen klar. Daß sich auch für die Niederlande in den kommenden Jahren einiges ändern sollte, darüber habe ich mir zunächst kaum Gedanken gemacht.

Ein Vierteljahrhundert später aber ist ein Buch erschienen, das „Na de Val. Nederland na 1989“ („Nach dem Fall. Die Niederlande nach 1989“) heißt und dessen Titel mich – gerade wegen meiner früheren Ignoranz – sofort angesprungen hat. Der Historiker Hanco Jürgens führt dem Leser darin ein kleines Land mit 1989 knapp 15, inzwischen aber fast 17 Millionen Einwohnern vor, das seit dem Mauerfall nicht nur international an Einfluß eingebüßt, sondern im Innern Erschütterungen und Umbrüche erlebt hat. Einige Stichworte sind in diesem Zusammenhang aus dem internationalen Bereich die Abseitsposition der Niederlande bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen auf dem Weg zur deutschen Einheit sowie die EU-Osterweiterung, durch die die Niederlande gefühlt noch kleiner wurden. Innenpolitisch sind eine starke Verunsicherung und Politikverdrossenheit zu nennen, damit einhergehend Phänomene wie der Rechtspopulist Pim Fortuyn und dessen Ermordung oder der rasante Aufstieg von Geert Wilders’ islamfeindlicher Partij voor de Vrijheid.

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Eine Art Buch im Buch ist Jürgens’ Behandlung der deutsch-niederländischen Beziehungen bzw. der Entwicklung des Deutschlandbildes der Niederländer und ihrer Selbstwahrnehmung. Jürgens schildert noch mal alle Schwierigkeiten von der „zweiten Befreiung“ bei der Fußball-EM 1988, dem niederländischerseits mit Skepsis verfolgten Wiedervereinigungsprozeß, den Problemen zwischen Kanzler Kohl und Premier Lubbers und deutschkritischen Umfrage-Ergebnissen bis zum heutigen Stand der Dinge. Deutschland, mit dem die Niederlande wirtschaftlich und politisch, auf der Mikro-Ebene nicht selten auch familiär eng verwachsen sind, nimmt inzwischen in den Niederlanden in vielerlei Hinsicht eine Vorbildfunktion ein (sogar beim Fußball!), Berlin wird als sexy wahrgenommen und zwischen den aktuellen Regierungschefs stimmt die Chemie. Nach 1989 hat es Prozesse gegeben, die das einst so positive Selbstbild der Niederländer, das sich im Prinzip der Einfachheit halber als Abgrenzung von den Deutschen formulieren ließ, erheblich erschüttert haben. Faktoren wie eine kritischere Beschäftigung mit dem Verhalten von Niederländern unter deutscher Besatzung, die Aufarbeitung des Srebrenica-Fiaskos der niederländischen UN-Schutztruppen und ein Erschrecken über das Erstarken des Rechtspopulismus im eigenen Land haben Wirkung gezeigt.

Es ist verständlich, daß Jürgens als Mitarbeiter des Duitsland Instituut Amsterdam die deutsch-niederländischen Beziehungen besonders in den Fokus nimmt sowie die außergewöhnliche, durch die EU-Osterweiterung und die Eurokrise noch gestiegene Relevanz Deutschlands für die Niederlande betont. Die Beziehungen zu anderen, speziell auch zu den kleineren EU-Ländern kommen in „Na de Val“ durch Jürgens’ Fokussierung aber viel zu kurz. Und daß betont wird, es gebe in den Niederlanden eine mit der großen Bedeutung Deutschlands für das Land nicht korrespondierende, ständig gewachsene angelsächsische Orientierung in kutureller Hinsicht, sollte noch mal überdacht werden. Denn: Diese Orientierung beschränkt sich nicht auf die Niederlande und kann deshalb durchaus Gemeinschaft schaffen.

Jürgens legt mit „Na de Val“ keine umfassende Studie zur niederländischen Geschichte der vergangenen 25 Jahre vor. Er präsentiert vielmehr etwas, das wie eine Mischung aus Essaysammlung und Literaturrückblick wirkt: Manche Kapitel erscheinen sehr isoliert, und seitenlang werden Inhalte anderer Bücher referiert. Durch die zahlreichen „Literaturbesprechungen“ bleibt auch vieles abstrakt. Sehr anschaulich wird Jürgens nur, wenn es um die Beschreibung von Amsterdamer Klubs der 1990er Jahre geht, mit Sex, Drogen und Techno. Honi soit qui mal y pense.

Das Dusville-Urteil:

Der Titel „Na de Val. Nederland na 1989“ hält nicht so ganz, was er verspricht – oder zumindest was ich mir davon versprochen habe. Dennoch ist das Buch zu empfehlen, wenn man sich noch mal bestimmte Aspekte der niederländischen und deutsch-niederländischen Entwicklungen nach 1989 in schnell konsumierbarer Form vor Augen führen möchte.

Die Dusville-Wertung: 6/10

Hanco Jürgens, Na de Val. Nederland na 1989, Uitgeverij Vantilt, Nimwegen 2014, ISBN 978-9-46-004193-8, 208 Seiten, € 19,89.