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Interview: Der letzte Spätheimkehrer

Von Ingo Schiweck

Ich erwische Albrecht Weinberg heute kurz bevor er Besuch von einem NDR-Fernsehteam bekommt. Der Tag wird aber auch schon ohne den Interviewtrubel gut gefüllt sein für den 89jährigen gebürtigen Ostfriesen: ein Krankenbesuch bei einem Bekannten in Oldenburg, ein Treffen mit entfernter Verwandtschaft in Bremen. Und dabei hat er die Nacht kaum geschlafen, denn bis 3 Uhr in der Früh hat sich Weinberg, der fast blind ist, auf 3sat Dokumentarfilme über den Holocaust angehört. Die Dokus über den Holocaust erzählen auch seine Geschichte. Denn Albrecht Weinberg hat als Jude die nationalsozialistischen Konzentrationslager Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen überlebt. Nach 65 Jahren in den USA ist er 2012 zurück nach Deutschland gezogen.

Albrecht, warum bist du nach Deutschland zurückgekommen? Weißt du, ich konnte mit meiner Schwester Friedel 1947 dank einer Hilfsorganisation in die USA einwandern. Das war für uns damals ein wahres Schlaraffenland. Zuvor hatten wir im zerstörten Deutschland Nachforschungen angestellt, wer von unserer Familie überlebt hatte: Das waren nur wir Kinder. Die Eltern waren in Auschwitz vergast worden, viele Onkels und Tanten sowie Cousins und Cousinen auch. Der größte Teil unserer Verwandtschaft war also im Holocaust umgekommen. In den USA konnten wir uns eine Existenz aufbauen, haben Freunde gefunden, von denen die meisten Holocaust-Überlebende waren wie wir. Die haben uns im Gegensatz zu denen, die es nicht erlebt hatten, verstanden.

Alles in allem ging es uns in den USA gut. Als aber 2011 Friedel schwer krank wurde, konnte ich sie als praktisch blinder alter Mann nicht pflegen. Und finanzielle Unterstützung gab es in den USA so gut wie nicht, wir hatten ja keine Kranken- und Pflegeversicherung wie in Deutschland. Die Lage war wirklich verzweifelt. Kontakte in Leer brachten dann die Rettung: Die Stadt hatte in den 1980er Jahren wegen ihres schlechten Gewissens vertriebene jüdische Bürger ausfindig gemacht und eingeladen. Daraus sind Bekanntschaften mit Angehörigen der Nachkriegsgenerationen entstanden, die uns beide nach Ostfriesland geholt haben, als sie hörten, wie schlecht es uns ging. Leider ist Friedel dann bald gestorben.

Albrecht Weinberg, Copyright by Ingo Schiweck
Keine Freunde: Albrecht Weinberg und Martin Luther (Foto: Ingo Schiweck)

War der Umzug für dich eher eine Niederlage oder hast Du die Rückkehr in deine alte Heimat auch als Chance gesehen?                   Es war nicht einfach, hat uns aber vor dem sozialen Abstieg gerettet. Und es war insofern eine unglaubliche Chance, als wir die Gelegenheit bekommen haben, ein ganz anderes Deutschland als das, das uns verfolgt und fast ermordet hatte, kennen zu lernen. Es ist vor allem kaum zu glauben, wie sich die ehemalige Altenpflegerin Gerda Dänekas und ihr Mann Hinrich um mich kümmern. Die beiden sind so was wie Familie für mich geworden.

Welche Rolle spielt Auschwitz heute noch für dich?                       Wenn Holocaust-Dokumentationen im Fernsehen kommen, wie jetzt zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, dann sitze ich innerlich weinend davor. Und auch wenn nichts im TV läuft, sehe ich Tag für Tag schon beim Aufstehen zumindest noch schemenhaft die eintätowierte Häftlingsnummer auf meinem Arm. Bestimmt 90 Prozent meiner Gedanken kreisen um das Erlebte, vor allem um die Menschen, die ich verloren habe. Hier in Leer stehen noch fünf Häuser, in denen meine Verwandten gelebt haben, aber die Menschen sind spurlos verschwunden. Oder fast spurlos, ich habe ja noch ein paar Fotos. Übrigens auch das von Onkel Hermann in deutscher Uniform. Der hat im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und liegt auf einem Soldatenfriedhof in Belgien, unter einem christlichen Kreuz. Das stört mich nicht, denn mit Religion habe ich es nicht so: Den lieben Gott gab es nicht in Auschwitz – und danach auch nicht mehr.

Du hast nie Kinder haben wollen …                                                                   Ja, stell dir doch mal vor, was man mit uns gemacht hat, als wir noch Kinder waren. Der ganze Mist fing schon weit vor den Konzentrationslagern an: Da war ich für die anderen Kinder der „oll Jöd“. Diskriminierung war an der Tagesordnung, und bald durfte ich gar keine normale Schule mehr besuchen. Vor dem Haus meiner Eltern hat man einen Adolf-Hitler-Platz eingerichtet, die dort marschierenden SA-Leute sangen: „Und wenn’s Judenblut vom Messer spritzt …“. Unsere Dokumente waren alle mit dem Schriftzug „Jude“ oder einem „J“ gekennzeichnet. Wir mußten zusätzliche Vornamen tragen, die Jungs und Männer „Israel“, die Mädchen und Frauen „Sara“. Wir bekamen weniger zu essen als unsere nichtjüdischen Mitbürger, und in so manchem Geschäft waren wir nicht mehr erwünscht, weil es plötzlich „rein arisch“ war. Als ich dann 1943 in Auschwitz ankam, war ich gerade mal 18, immer noch ein halbes Kind. Und da begann das Elend erst mal richtig. Also: Warum hätte ich jüdische Kinder in die Welt setzen sollen, denen vielleicht auch wieder so was wie mir passiert wäre?

Auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben die Nationalsozialisten dir abgenommen …                                                                                        Stimmt, aber die habe ich mir im vergangenen Jahr zurückgeholt, das war eine Genugtuung. Vorige Woche bin ich unpassenderweise eingeladen worden: Alle, die in den vergangenen Monaten in Leer eingebürgert worden sind, sollen sich treffen. Ich habe denen geschrieben, daß ich da nichts zu suchen habe, denn ich habe mir mit der deutschen Staatsbürgerschaft nur zurückgeholt, was mir gestohlen worden war. Wie die Behörden das sehen, ist mir piepegal.

Kann es in Deutschland noch mal schiefgehen?                                        Na, schau dir nur mal an, was ständig an Polizei vor den Synagogen stehen muß. Und diese dummen Demonstrationen gegen Einwanderer, die zum Beispiel in Dresden stattfinden, zeigen doch auch ganz besonders deutlich, daß sich die Menschen im Prinzip nie ändern. Die Leute, die alles verderben können, sind unter uns, und das gilt nicht nur für Deutschland.