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Buch: Wenn das der Mendelsohn wüßte!

Von Nicole Stöcker

Frank Owen Gehry ist das, was man einen „Stararchitekten“ nennt. Wahrscheinlich ist er sogar der Stararchitekt unserer Zeit. Er selbst gibt aber an, den Begriff zu hassen, und tatsächlich ist Gehry trotz seiner Prominenz auf dem Teppich geblieben. Vor einigen Jahren hat er bei einem Auftritt in New York klugerweise gesagt: „Wenn Erich Mendelsohn den Computerkram gehabt hätte, den wir heute haben, hätte ich was anderes machen müssen.“

Mußte der gebürtige Kanadier, der seit 1947 in Kalifornien lebt, aber nicht. Er kann heute problemlos seine oftmals abenteuerlich anmutenden Ideen umsetzen, während in den 1920er Jahren bei seinem deutschen Kollegen vieles Skizze bleiben mußte. Das vor kurzem in englischer Sprache bei Prestel erschienene Buch Frank Gehry zeigt noch mal schön, wie der Dekonstruktivist Gehry eine französische Software aus der Luftfahrtindustrie adaptiert und damit die architektonische Wirklichkeit vieler Städte um geschwungene, schiefe, gebrochene Elemente mit großer Außenwirkung ergänzt hat. Städte wie Bilbao, Los Angeles oder Düsseldorf haben einen oder gleich mehrere „Gehrys“ bekommen und damit ihr Image aufpoliert. Der „Bilbao-Effekt“ ist in den gehobenen Wortschatz eingegangen.

Finished Building : Exterior
Tanzende Formen: Die Prager nennen dieses Bürohaus von Gehry und Vlado Milunić in der tschechischen Hauptstadt auch „Ginger und Fred“ (Image Courtesy of Gehry Partners, LLP).

In dem von Aurélien Lemonier und Frédéric Migayrou herausgegebenen Band werden in angenehmer Kürze Gehrys wichtigste Bauten in chronologischer Abfolge behandelt. Mehrere Aufsätze und ein Interview mit Gehry fallen dagegen teilweise ab, setzen zu vieles voraus oder sind auch zu unkritisch. Die Qualität der Abbildungen ist ebenfalls uneinheitlich. Das Buch dient als Katalog zu einer Ausstellung, die zuerst im Centre Pompidou gezeigt worden ist und vom 13. September bis zum 20. März des kommenden Jahres im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) zu sehen sein wird.

Das Dusville-Urteil:
Wer die Pariser Ausstellung verpaßt hat, sollte die Flugtickets in Richtung Gehrys Wahlheimat LA schon mal buchen. Das Buch, wenn auch nicht das Nonplusultra, ist wegen der kurzen Werkbeschreibungen empfehlenswert.

Die Dusville-Wertung: 7/10

Aurélien Lemonier/Frédéric Migayrou (Hrsg.), Frank Gehry, Prestel Verlag, München/London/New York 2015, ISBN 978-3-7913-5442-2, 256 Seiten, € 49,95.