Schlagwort-Archiv: Düsseldorf

Buch: Die Paul-Schneider-Esleben-Häuser

Von Ingo Schiweck

So plötzlich, wie er da war, war er kurz vor Weihnachten auch wieder vom Tisch: der Vorschlag, das Düsseldorfer Mannesmann-Hochhaus in Richard-von-Weizsäcker-Haus umzubenennen. Was bei der kurzen, aber heftig geführten Namensdiskussion auffällt, ist daß der Name des Hochhaus-Architekten darin eigentlich nie erwähnt wurde. Vielen Düsseldorfern wird er auch gar kein Begriff sein. Dabei hat Paul Schneider-Esleben so viele markante Bauten in der NRW-Landeshauptstadt geschaffen wie kaum ein anderer Architekt.

Ein Buch rückt Schneider-Esleben und sein Werk in den Fokus. Erschienen ist es als Katalog zur kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung in München – der Düsseldorfer Architekt hat sein Archiv leider dem Architekturmuseum der TU München vermacht. Der 1915 geborene Sohn des Architekten Franz Schneider beginnt in den 1930er Jahren ein Architekturstudium, das aber durch den Krieg unterbrochen wird. Was folgt, ist Stoff für ein „Landser“-Heftchen: PSE, so sein späteres Kürzel, wird Flieger, gerät schwer verletzt in sowjetische Gefangenschaft, kann fliehen und sich schließlich zu den Eltern durchschlagen.

Viel wichtiger als das erlernte Kriegshandwerk: Eine Begegnung mit dem Architekten Rudolf Schwarz 1942 in Lothringen sowie Berichte über den inzwischen in die USA emigrierten Ludwig Mies van der Rohe und das Bauhaus erweitern den Horizont des sonst mit dem NS-Neoklassizismus konfrontierten Schneider-Esleben.

Nach dem Krieg nimmt er sein Studium wieder auf, das er mit Karikaturen finanziert. Als selbständiger Architekt baut er dann die beschädigte Kirche St. Bonifatius in Düsseldorf-Bilk wieder auf. Diesem Backstein-Bau seines Vaters von 1927/28 wird unter anderem eine Betonfassade mit bunten, dreieckigen Fensterchen verpaßt. Und schon nach wenigen Jahren der Selbständigkeit kommen richtige Knaller für das führende Nachkriegswirtschaftszentrum Düsseldorf – im Buch mit einem Thilo-Hilpert-Zitat auch als „heimliche Hauptstadt der Republik“ tituliert – aus Schneider-Eislebens Büro. Sie prägen nicht nur die Stadt, sondern sichern PSE auch seinen Platz in der Architekturgeschichte. Bereits 1951–53 wird seine Haniel-Garage an der Grafenberger Allee gebaut, ein Parkhaus für 500 Autos. Dabei handelt es sich um eines der ersten Bauwerke in Deutschland, bei dem das Stahlbetonskelett vollständig von einer gläsernen Vorhangfassade umgeben ist. Schneider-Esleben ist damals im Düsseldorfer Architektenstreit auf Seiten des Architektenrings Düsseldorf anzutreffen. Der kritisiert besonders die nahtlos an die NS-Zeit anknüpfende Planung und Personalpolitik von Friedrich Tamms, dem Leiter des Stadtplanungsamts. Die großen, autogerechten Durchbrüche à la Tamms sind mit vielen Parkplätzen an den Straßen zu kombinieren. Ein Parkhaus wie das von Schneider-Esleben in Düsseltal paßt nicht ins Bild. Tamms würde es denn auch am liebsten hinter einer Häuserzeile verstecken, was aber – zum Glück – nicht realisiert wird.

Was nun folgt ist ein kleines Best of der gestalterisch wie technisch anspruchsvollen Düsseldorfer Nachkriegsarchitektur mit internationaler Inspiration – und vor allem internationaler Strahlkraft: die neue Rochuskirche mit der eiförmigen Kuppel (1953–55), die Mannesmann-Hauptverwaltung als erstes Stahlskeletthochhaus der Bundesrepublik (1955–58), die Volksschule an der Rolandstraße mit Kunst von Beuys, Uecker, Mack und Piene (1958–61), das heute stark verwahrloste Commerzbank-Gebäude mit der Aluminiumfassade (1963–66) oder auch das leider schon wieder abgerissene ARAG-Terrassenhochhaus (1964–67).

Paul Schneider-Esleben stirbt 2005 im hohen Alter von 89 Jahren. Zwei Kuriositäten sollten zum Schluß nicht verschwiegen werden. Zum einen hat er der benachbarten Domstadt Köln (und der damaligen Bundeshauptstadt Bonn) ihren neuen Flughafen geschenkt (1966–70), zum anderen ist er der Vater von Florian Schneider-Esleben, der als Mitbegründer der extrem einflußreichen Düsseldorfer Kultband Kraftwerk Weltruhm erlangt hat.

Das Dusville-Urteil:                                                                                                    Das reich bebilderte Katalogbuch über Paul Schneider-Esleben steht am Beginn eines Forschungsprojekts. Prägnante Aufsätze zu einzelnen Themen werden kombiniert mit Beschreibungen besonders relevanter Objekte. Wünschenswert gewesen wären einheitlichere Angaben zum aktuellen Zustand von Gebäuden und zum Denkmalschutz. Und wenn man vermeintlich schicke Abkürzungen verwendet, dann bitte nicht die Bundesrepublik zum Bund Deutscher Radfahrer machen. Für Architektur- und besonders für Düsseldorfbegeisterte ist nichtsdestotrotz eine absolute Kaufempfehlung auszusprechen.

Die Dusville-Wertung: 9/10

Andres Lepik/Regine Heß (Hrsg.), Paul Schneider-Esleben. Architekt, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015, 208 Seiten, ISBN 978-3-7757-3998-6, € 35,–.

P. S.: Eine PSE-Ausstellung wird vom 21. Januar bis zum 24. Februar 2016 in Schneider-Eslebens seit dem vergangenen Dezember denkmalgeschützter Wuppertaler Stadtsparkasse (1969–73) gezeigt.

Düsseldorf: Ein Stern-Verlag verglüht

Von Ingo Schiweck

Was der Zweite Weltkrieg nicht geschafft hat, das ist dem Internet und der Wehrhahn-Linie gelungen: Das Buchhaus Stern-Verlag, Deutschlands größte Buchhandlung, schließt. Ende März 2016 ist es soweit, dann sperrt der Buchtempel an der Düsseldorfer Friedrichstraße (mit Außenstelle an der Heine-Uni) zum endgültig letzten Mal seine Pforten auf. Den Mitarbeitern, die ihren Job verlieren, ist jetzt ein Sozialplan vorgestellt worden.

Die Schließung war in Branchenkreisen schon länger erwartet worden, nur der Zeitpunkt konnte noch überraschen. Der Stern-Verlag versprüht im Innern den Charme der 1980er Jahre, als sich Buchhändler über die Digitalisierung der Medien noch keine Gedanken gemacht haben. Zwar ist das im Jahr 1900 gegründete und noch heute inhabergeführte Unternehmen schon 1996 in den Internethandel eingestiegen – das Ladengeschäft läßt sich damit aber nicht am Leben halten. Neben dem Online-Handel haben seit 2008 der Zuzug einer Kö-Renommierfiliale der Mayerschen Buchhandlung und eines Thalia-Buchladens (Düsseldorf Arcaden) Kundenströme vom Stern-Verlag weggelenkt. Die einst 8000 qm Stern-Verlagsfläche sind zuletzt auf „mehr als 5000 qm“ reduziert worden; in Teilen des Geschäftshauses wurden statt Büchern nun Teppiche angeboten.

Die kleinteilige Struktur der an sich riesigen Ladenfläche hat das Ihre dazu beigetragen, daß die Buchhandlung nicht überlebt: In vielen kleinen Abteilungen wird insgesamt mehr Personal benötigt als in wenigen großen. Ein langwieriger und teurer Umbau des firmeneigenen Hauses hätte sich nicht gelohnt, zumal die neue Düsseldorfer U-Bahn-Linie („Wehrhahn-Linie“) die Friedrichstraße ab dem kommenden Februar noch weiter ins Abseits rückt, als sie es bisher schon ist. Die WestLB-Abwicklung hat den Geschäften auf dieser Einkaufsstraße bereits viel kaufkräftiges Publikum geraubt – mit der Wehrhahn-Linie verschwindet der ÖPNV von der Friedrichstraße unter die Erde. Der Gedanke, mal kurz aus der Bahn rauszuspringen, um beim Stern-Verlag zu stöbern, hat sich damit praktisch erledigt. Die Umgestaltung der Straße mit lästiger Baustelle und weniger Parkplätzen nach Eröffnung der U-Bahn-Linie hätte weitere Umsatzeinbußen für die Buchhandlung bedeutet.

Was aus dem angeblich profitablen Bibliotheksgeschäft und dem Internethandel des Stern-Verlags wird, muß sich noch zeigen. Bereits 2013 ist in Köln (!) unter der Adresse des Fachliteratur-Beschaffers VUB eine „Buchhaus Sternverlag GmbH & Co. KG“ gegründet worden. Was da auch kommen mag: Düsseldorf ist auf jeden Fall im nächsten April eine kulturelle Attraktion, eine Institution ärmer.

Buch: Wenn das der Mendelsohn wüßte!

Von Nicole Stöcker

Frank Owen Gehry ist das, was man einen „Stararchitekten“ nennt. Wahrscheinlich ist er sogar der Stararchitekt unserer Zeit. Er selbst gibt aber an, den Begriff zu hassen, und tatsächlich ist Gehry trotz seiner Prominenz auf dem Teppich geblieben. Vor einigen Jahren hat er bei einem Auftritt in New York klugerweise gesagt: „Wenn Erich Mendelsohn den Computerkram gehabt hätte, den wir heute haben, hätte ich was anderes machen müssen.“

Mußte der gebürtige Kanadier, der seit 1947 in Kalifornien lebt, aber nicht. Er kann heute problemlos seine oftmals abenteuerlich anmutenden Ideen umsetzen, während in den 1920er Jahren bei seinem deutschen Kollegen vieles Skizze bleiben mußte. Das vor kurzem in englischer Sprache bei Prestel erschienene Buch Frank Gehry zeigt noch mal schön, wie der Dekonstruktivist Gehry eine französische Software aus der Luftfahrtindustrie adaptiert und damit die architektonische Wirklichkeit vieler Städte um geschwungene, schiefe, gebrochene Elemente mit großer Außenwirkung ergänzt hat. Städte wie Bilbao, Los Angeles oder Düsseldorf haben einen oder gleich mehrere „Gehrys“ bekommen und damit ihr Image aufpoliert. Der „Bilbao-Effekt“ ist in den gehobenen Wortschatz eingegangen.

Finished Building : Exterior
Tanzende Formen: Die Prager nennen dieses Bürohaus von Gehry und Vlado Milunić in der tschechischen Hauptstadt auch „Ginger und Fred“ (Image Courtesy of Gehry Partners, LLP).

In dem von Aurélien Lemonier und Frédéric Migayrou herausgegebenen Band werden in angenehmer Kürze Gehrys wichtigste Bauten in chronologischer Abfolge behandelt. Mehrere Aufsätze und ein Interview mit Gehry fallen dagegen teilweise ab, setzen zu vieles voraus oder sind auch zu unkritisch. Die Qualität der Abbildungen ist ebenfalls uneinheitlich. Das Buch dient als Katalog zu einer Ausstellung, die zuerst im Centre Pompidou gezeigt worden ist und vom 13. September bis zum 20. März des kommenden Jahres im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) zu sehen sein wird.

Das Dusville-Urteil:
Wer die Pariser Ausstellung verpaßt hat, sollte die Flugtickets in Richtung Gehrys Wahlheimat LA schon mal buchen. Das Buch, wenn auch nicht das Nonplusultra, ist wegen der kurzen Werkbeschreibungen empfehlenswert.

Die Dusville-Wertung: 7/10

Aurélien Lemonier/Frédéric Migayrou (Hrsg.), Frank Gehry, Prestel Verlag, München/London/New York 2015, ISBN 978-3-7913-5442-2, 256 Seiten, € 49,95.

Düsseldorf: Hilfe, Hbf!

Von Ingo Schiweck

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof mit seiner direkten Umgebung ist wirklich ein außergewöhnlich unwirtlicher, dreckiger und häßlicher Ort: Wer dort eintrifft, bekommt den denkbar schlechtesten Eindruck von Düsseldorf und möchte die Stadt möglichst schnell wieder verlassen. In den vergangenen Wochen haben Abrißarbeiten an der Südwestseite des Gebäudes den Aufenthalt für die 250.000 Reisenden, die hier täglich kürzer oder länger weilen, noch unattraktiver als sonst gemacht. Und nicht nur deren Aufenthalt, sondern auch ein Stück Düsseldorf. Attraktive historische Substanz ist verlorengegangen – sicherlich nicht vergleichbar mit dem Verlust der nur unter heftigem Bürgerprotest abgerissenen Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs in den Jahren 2010–12, aber ein bißchen Aufregung hätte man sich darob denn doch gewünscht. Zumal fraglich ist, ob etwas Erstrebenswertes an die Stelle des Abgerissenen tritt, etwas, das den Aufenthalt in der Bahnhofsgegend wirklich angenehmer macht.

Der in den Jahren 1932 bis 1936 errichtete Hauptbahnhof der Altbiermetropole war von Beginn an nicht unumstritten. Dem langgestreckten sachlichen Backsteinbau mit dem markanten Uhren- und ehemaligen Wasserturm mußte der neobarocke Vorgänger weichen. Der war zwar erst 1891 eröffnet, aber schon lange als zu klein kritisiert worden. Düsseldorfer Architekten hatten nun auch an dem Entwurf von Eduard Behne für den Neubau so einiges auszusetzen, doch der Protest blieb weitgehend unberücksichtigt. So kam es zu Abriß und Neubau, aber keine drei Jahre nach Fertigstellung des neuen Düsseldorfer Bahnhofs begann der Zweite Weltkrieg, und damit wurden alliierte Flieger regelmäßige Gäste im Düsseldorfer Luftraum. Der frischerrichtete Bahnhof wurde stark zerstört. In den 1950er Jahren erfolgte der Wiederaufbau. Umfangreiche Umbauarbeiten in den 1980er Jahren machten aus dem Hauptbahnhof dann ein Renommierobjekt der Bundesbahn, was man dem Bau heute – trotz einiger späterer Kosmetik – nicht mehr anmerkt. Bei den Umbauaktivitäten, die nicht viel Altes verschonten, blieb zumindest die Fassade erhalten, die dann auch gleich 1985 in die Denkmalliste aufgenommen wurde. Die Lieblosigkeit im Umgang mit der historischen Substanz des Gebäudes fand in der Ignoranz jeglicher planerischer und ästhetischer Ansprüche auf dem Bahnhofsvorplatz ein Geschwisterchen. Die dauerhafte Plazierung von häßlichen Verkaufscontainern vor dem Haupteingang des Gebäudes kann stellvertretend dafür genannt werden.

Prominentestes Opfer der aktuellen Abbrucharbeiten am Hbf Düsseldorf ist die ehemalige Wache der Bundespolizei mitsamt der benachbarten eleganten Eckrundung, die sie mit dem Bahnhof verband. Diese historischen Backsteinbauten sind leider in den 80er Jahren explizit nicht mit unter Denkmalschutz gestellt worden, obwohl sie stilistisch und von der Ausführung her hervorragend an den Bahnhof anschlossen. Für den Eigentümer der für die Deutsche Bahn AG „nicht mehr betriebsnotwendigen Liegenschaft“, wie es auf beamtendeutsch heißt, ist dieses aus Sicht des Historikers beklagenswerte Versäumnis ein Glücksfall. Obwohl: Auch Düsseldorfer Denkmalschutz hätte ja nicht unbedingt tatsächlich geschützt, wie wir spätestens seit dem Abriß des Tausendfüßlers wissen. Der Eigentümer, das ist übrigens seit Ende 2007 nicht mehr der Bund, sondern die börsennotierte Immobiliengesellschaft CA Immo. Diese Gesellschaft ist zum Beispiel mitverantwortlich für ein Projekt wie den Frankfurter Büroklotz Tower 185, in dem das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PwC seine Deutschland-Zentrale hat, oder das ebenfalls in Frankfurt am Main angesiedelte Einkaufszentrum Skyline Plaza – laut FAZ der „Geheimtipp für alle, die freundlich bedient werden und in Ruhe einkaufen wollen“, wobei die Betonung zum Mißvergnügen vieler Einzelhändler auf „Ruhe“ liegt.

Campino in Buenos Aires
Schon historisch: Die ehemalige Wache der Bundespolizei und die elegante Rundung sind inzwischen ganz abgerissen worden. (Foto: Ingo Schiweck)

CA Immo spekuliert jetzt auf eine Umgestaltung des gesamten Düsseldorfer Bahnhofsvorplatzes. Ihr bislang nur für Bahnzwecke nutzbares Grundstück will sie entwidmen lassen, Anfang 2016 könnte ein Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Areals ausgeschrieben werden. Wir erinnern uns aber: Schon 2005 hatten sich 20 Teams an einem Planungswettbewerb zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes beteiligt. Das sensationelle Ergebnis damals, so die Stadt Düsseldorf: „Der von der Stadt ausgeschriebene Wettbewerb zur Neugestaltung des Konrad-Adenauer-Platzes hat zu keinem Ergebnis geführt.“

So wünschenswert eine Umgestaltung der direkten Umgebung des Bahnhofs auch ist: Nach 18 Uhr verwaiste Büros und überflüssige zusätzliche Konsummöglichkeiten, wie sie angesichts der Involvierung eines Unternehmens wie CA Immo befürchtet werden müssen, wären kein städtebaulicher Gewinn und würden wie eine zusätzliche Verhöhnung der geopferten Bauten wirken. Bange fragen wir uns auch, welche architektonische Zumutung uns bei einer Umgestaltung wohl erwartet: Micky-Maus-Architektur wie im Falle des Kö-Bogens, eine Kopie osteuropäischer Aufmarschplätze wie bei den Düsseldorf Arcaden oder vollkommen gesichtslose Bauten wie die Bilker Höfe? Verwaltung und Politik in Düsseldorf haben es bis zu einem gewissen Grad mit in der Hand, ob es in Zukunft eine positive Erfahrung ist, in der NRW-Landeshauptstadt mit dem Zug einzutreffen. Diejenigen, die an den städtischen Hebeln sitzen müssen sich aber ihrer Einflußmöglichkeiten bewußt sein und verantwortungsvoll von ihnen Gebrauch machen – zugunsten eines lebenswerten Düsseldorfs.

Buch: Sing wie Freddy oder Jenseits des Erträglichen

Von Ingo Schiweck

Frühere deutsche EMI-Electrola-Mitarbeiter bekommen noch heute feuchte Augen, wenn die Sprache auf Heino kommt. Der Sänger mit dem hochblonden Toupet und der tiefdunklen Sonnenbrille hat ihnen schließlich mit seinen – wie es heißt – über 50 Millionen verkauften Platten zu einem Häuschen im Grünen verholfen. Besonders in den 1970er Jahren blühte der Enzian allenthalben blau, war die Haselnuß besonders schwarzbraun und ertönte der Ruf „Karamba, Karacho, ein Whisky“ ständig.

Heino, der betont deutsche Volksmusikbarde mit der Baritonstimme, verkörperte aber bald für viele auch das musikalische Feindbild par excellence. Er sang Lieder, die den 68ern suspekt erscheinen mußten, unterstützte die CDU im Wahlkampf, sang im Auftrag der Regierung des ehemaligen Nazi-Richters Filbinger die Deutschland-Hymne mit allen drei Strophen und trat fröhlich im Apartheidsstaat Südafrika auf.

Auch nach dem Abflauen der kontinuierlichen Erfolge ist Heino immer wieder zurückgekehrt und hat von sich reden gemacht hat. Daß er seine eingangs erwähnten markanten Accessoires den Moden nicht angepaßt hat, hat ihn im nationalen Bewußtsein tief verankert – sein Bekanntheitsgrad dürfte an der 100-Prozent-Marke kratzen. Zuletzt hat er auf Rocker gemacht und mit gecoverten Rock-, Pop- und Hip-hop-Songs (Mit freundlichen Grüßen) 2013 Platz eins der Albumcharts erreicht. Daß man da auch mal wieder eine Autobiographie veröffentlichen kann, bedingen die Gesetze des Marktes. Bei Bastei Lübbe ist deshalb vor kurzem Mein Weg erschienen.

Heino_-_Oktoberfest_2012, Foto Usien
Ein echter Rocker halt: Heino im Jahr 2012 auf dem Oktoberfest. (Foto: Usien; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Ehrlichkeit gilt ja gemeinhin als Tugend. Bei diesem schnell dahingeklatscht wirkenden Buch stellt sich aber die Frage, warum ein professioneller Lektor oder zumindest ein guter Freund dem inzwischen 76jährigen Heino nicht Einhalt geboten hat. Heino alias der gelernte Bäcker und Konditor Heinz Georg Kramm aus Düsseldorf-Oberbilk berichtet hier freimütig von einer Peinlichkeit nach der nächsten. Besonders einprägsam ist die Szene, in der seine außereheliche Tochter vor der Tür steht und Papa Heino vor dem Mädchen flüchtet. Und wie er beklagt, daß er kein Bundesverdienstkreuz bekommen hat, ist nur schwer zu ertragen. Ein weiterer Tiefpunkt: Allen Ernstes sinniert er in dem Buch über seine Gemeinsamkeiten mit Elvis Presley, und mit seiner dritten Frau Hannelore will er tatsächlich darüber nachgedacht haben, „wie es wohl wäre, mir in Las Vegas etwas aufzubauen und dort vielleicht eine eigene Show zu machen“. Da Las Vegas aber viel zu weit von Deutschland entfernt sei, hätten sie die Pläne wieder verworfen.

Beachtliche Überlegungen für einen, der seine Plattenkarriere als Freddy-Quinn-Imitator begonnen hat. Nachdem er inzwischen beim Tingeln von Ralf Bendix (Babysitter-Boogie) entdeckt worden war, bekam er von Bendix im Studio zu hören: „Sing einfach so wie Freddy Quinn.“ Und tatsächlich: Wer die A-Seite seiner ersten Single von 1966, 13 Mann und ein Kapitän, hört, erkennt schnell, daß es sich um einen ziemlich dreisten Abklatsch von Freddys Nummer-eins-Hit Hundert Mann und ein Befehl handelt. Viel relevanter wurde denn auch die Rückseite mit dem Titel Jenseits des Tales. Text: Börries von Münchhausen, von Adolf Hitler 1944 in die „Gottbegnadeten“-Liste aufgenommen. Das Heino-Erfolgsrezept war kreiert: Man nehme aus der „guten alten Zeit“ bekannte Volks- oder Seemanslieder und unterlege diese mit zackigem Geschrammel und Chor. Kombiniert mit ganz ähnlich klingenden Songs, die exotisch wirkende Elemente aus Nord, Mittel- und Südamerika verwenden, konnten dann problemlos zahlreiche Heino-LPs zusammengestellt werden. Das starre Imitieren von Freddy Quinns Gesangsstil hat Heino übrigens bis heute nicht aufgegeben.

Was sein bislang letztes Comeback betrifft: Man hat fast den Eindruck, der Mann glaubt tatsächlich, eine Lederjacke und ein paar gecoverte Songs machten aus ihm einen Rocker. Kreischende Teenager und gröhlende Metal-Fans tragen zu einem solchen möglichen Glauben erheblich bei. Das kommt heute dabei heraus, wenn alles nur noch relativ und damit beliebig ist. Statt der Sache angemessen zu sagen, „Verpiß dich mit deiner Scheiße“, gibt es noch unreflektierten Applaus.

Das Dusville-Urteil:

Zumindest ich will hier nicht relativieren: Heinos Buch Mein Weg ist banaler, mit Peinlichkeiten garnierter Mist in klassischem Heino-Schwarzbraun. Ich kann es – und das wird jetzt niemanden mehr überraschen – nicht empfehlen.

Die Dusville-Wertung: 1/10

Heino, Mein Weg, Bastei Lübbe, Köln 2015, ISBN 978-3-7857-2532-0, 304 Seiten, € 19,99.

Buch: Danke, Mettmann!

Von Ingo Schiweck

Was haben Heino und die Toten Hosen gemeinsam? Klar, sie teilen sich die Düsseldorfer Heimat, aber noch auffälliger ist: Sie polarisieren nicht mehr. Die Band, einst als Bürgerschreck gefürchtet, lockt heute auch Berthold von der Rechtsschutzversicherung und sogar Omi und Opi – früher das klassische Publikum eines heute „rockenden“ Heino – in die Stadien. Wenn dann auch die CDU-Führung den Hosen-Hit „Tage wie diese“ trällert, verwundert das nicht weiter.

Mit der vor kurzem erschienenen autorisierten Band-Biographie „Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm“ ist dem Autor Philipp Oehmke im Musikjargon ein Top-ten-Hit gelungen. Dabei werden viele Hardcore-Hosen-Fans vielleicht gar nicht so viel mit dem Werk anfangen können – für sie gibt es ja auch schon mehrere Fotobücher. Aber unter den immer zahlreicher gewordenen Sympathisanten und selbst unter den offenbar nur noch wenigen verbliebenenen Ablehnern werden umso mehr Menschen „Am Anfang war der Lärm“ mit Gewinn lesen. Oehmke hat nämlich eine phasenweise richtig, richtig gute Musikerbiographie geschrieben.

Wer die ersten, etwas belanglosen 40 Seiten überstanden hat, begibt sich mit dem Autor auf eine Reise in die Geschichte der Bundesrepublik. Es ist zunächst eine Reise in die vor den Toren der späteren Hosen-Heimat Düsseldorf gelegenen Kreisstadt Mettmann. In der Jägerzaunidylle Mettmann sollte man nicht alleine sein: Man braucht immer jemanden, der einen zwickt, damit klar ist, daß man noch nicht tot ist. Andreas Frege, der spätere Hosen-Frontmann Campino, und Andreas Meurer, der künftige Bassist Andi bei der Band, lernen sich hier 1976/77 im Hockeyverein kennen. Während die Elterngeneration, die den Nationalsozialismus miterlebt und teilweise auch mitgetragen hat, sich nichts mehr als eine möglichst heile, eine Mettmanner Welt wünscht, begehrt die nachfolgende Generation auf, legt teilweise eine ziemliche Zerstörungswut an den Tag. Der mit einer englischen Mutter gesegnete Campino wird über seinen älteren Bruder John mit Punk infiziert, die Gründung zunächst der Band ZK (1978) mit ihren legendären Auftritten in der Düsseldorfer Altstadt und dann der Toten Hosen (1982) folgen.

Die darauffolgenden Jahre zeigen eine für deutsche Verhältnisse ziemlich einmalige Geschichte mit vielen Höhe- und nur wenigen wirklichen Tiefpunkten. Philipp Oehmke kann aus dem vollen schöpfen, wenn er sehr lebendig die mit Prügeleien und Zerstörungen einhergehenden frühen Konzerte, das für ein niederländisches Mädchen tödlich endende nur angeblich eintausendste Konzert 1997 im Rheinstadion oder die bemerkenswerte Popularität der Gruppe in Argentinien beschreibt. Die vielen Zeitsprünge im Buch irritieren manchmal. Etwas irritierend auch: Kreativitätskrisen, wie sie bei einem Ausstoß von allein 15 Studioalben – darunter acht Nummer-eins-Scheiben – normal sind, werden hier arg überdramatisiert.

Campino in Buenos Aires
Voller Einsatz: Tote-Hosen-Sänger Campino singt und klettert zur Begeisterung von Fans und Fotografen, Buenos Aires 2009. (Foto: Libertinus Yomango; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ )

Sehr hübsch, wenn auch ein bißchen nostalgisch, sind die kleinen historischen Analysen des Autors. Mitte der 1980er Jahre wurde ein Konzert der Hosen auf Helgoland verboten. Die Band nahm trotzdem die Fähre zur Insel, soff und sang auf dem Schiff mit 300 Punks unter den Augen der Polizei und von einem Kameramann gefilmt. Oehmke dazu:

„Wenn man sich die Filmbilder dieser gegenkulturellen Butterfahrt heute anschaut, erkennt man eine Härte, Kompromisslosigkeit und den Willen zum Ärgermachen – ein kompletter Gegenentwurf zur heutigen Ballermann-Kultur und dem Flatrate-Saufen. Früher hatte diese Hingabe an den Alkohol noch eine rebellische Absicht, heute ist sie nur mehr eine Betäubung, weil die Feiernden sich längst mit den Gegebenheiten abgefunden haben.“

Nach 33 Jahren, 17 Millionen verkauften Platten, unzähligen Konzerten und einer Entwicklung vom Punk über Fun-Punk bis zum massentauglichen, dabei aber noch mit Sozialkritik garnierten Rock sind die Toten Hosen ein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Die „größte deutsche Rockband“, wie es im Buch so schön heißt. In ihrer Erfolgsorientierheit und ihrem so deutschen Fleiß können die Bandmitglieder hervorragend mit der Vätergeneration mithalten.

Ihren Manager, Jochen Hülder, der einen wichtigen Beitrag zum großen Erfolg der Gruppe geleistet hat, haben die Hosen vor ein paar Wochen in Düsseldorf zu Grabe getragen. Daß Campino, Andi, Breiti, Kuddel und Vom selbst nicht mehr die Fittesten sind, ist kein Geheimnis. Und so beschleicht einen manchmal das Gefühl, daß das Buch ein Auftakt zum Abschied sein könnte. Aber mal ehrlich: Einen Abschied von den Toten Hosen will sich niemand, besonders niemand, der – wie betäubt auch immer – die 80er Jahre erlebt hat, wirklich vorstellen.

Das Dusville-Urteil:

Philipp Oehmkes Buch ist eine wirklich gut geschriebene Band-Biographie, die selbst derjenige mit Gewinn liest, der vielleicht doch musikalisch so gar nichts mit den Toten Hosen anfangen kann. Talentscouts werden in Zukunft möglicherweise öfter Mettmann ansteuern, aber nur zu zweit.

Die Dusville-Wertung: 9/10

Philipp Oehmke, Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm, Rowohlt Verlag, Reinbek 2014, ISBN 978-3-49-807379-4, 384 Seiten, € 19,95.