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CD: Wenn Mono Gefühle in Stereo provoziert

Von Ingo Schiweck

Mitte der 1990er Jahre habe ich bei Saturn in Düsseldorf die Mavericks-CD What a Crying Shame gekauft – ja, damals bin ich tatsächlich noch in einen Laden gegangen, um interessante Platten zu entdecken. What a Crying Shame war Liebe auf den ersten Track: „There goes my Heart, breaking in two, there go my eyes, crying over you …“ – großartiger Herzschmerz-Country.

Die Mavericks um ihren kubanischstämmigen Leadsänger Raul Malo hatten 1991, zwei Jahre nach der Gründung der Gruppe in Miami, einen Vertrag bei MCA Nashville bekommen. Das in den USA und Kanada platinveredelte What a Crying Shame (1994) war das dritte Studioalbum der Band und ihr bis dahin bestes. Das Tolle damals: Man konnte sich auf die nächste Scheibe freuen und wurde nicht enttäuscht, denn die mit der Bezeichnung „Countryband“ nur unzureichend beschriebenen Mavericks steigerten sich von Studioalbum zu Studioalbum. Geradezu überwältigend war 1998 Trampoline mit einem elektrisierenden Stilmix aus Latin Sounds, Pop, Gospel, Jazz und Country . Manche der Songs, wie I´ve got this Feeling oder To be with you, konnten sich mit dem Besten messen, was ein Elvis in seinen letzten Jahren aufgenommen hatte – oder ein Roy Orbison, mit dem der stimmgewaltige Malo oft verglichen wird. Der Partysong Dance the Night away schaffte es in Großbritannien in die Top 5 der Hitparade und bescherte den Mavericks sechs Live-Abende in der legendären Londoner Royal Albert Hall.

In den USA blieb der Erfolg damals jedoch weitgehend aus, weil sich Trampoline nicht in eine, schon gar nicht in die Country-Schublade stecken ließ. Und so kam leider der Bruch. Die Band veröffentlichte kaum noch Neues, stellte 2000 ihre Aktivitäten als Gruppe ganz ein. Für tot erklären wollte die Mavericks aber keiner, und so wurden 2003 und dann wieder 2013 doch neue Studioalben veröffentlicht – Reminiszenzen an originelle Zeiten, aber mehr nicht, auch wenn viele Kritiker da eher unkritisch waren.

Nachdem man im Herbst 2014 Gründungsmitglied Robert Reynolds wegen seiner Rauschgiftsucht aus der Band geworfen hat, ist vor einigen Monaten bei The Valory Music Co., einem Label der in Nashville beheimateten Plattenfirma Big Machine Records, Mono erschienen, eine neue 12-Track-CD. Und der Titel ist Programm: Die Abmischung ist tatsächlich in Mono erfolgt. Über den Grund wird der Käufer der CD nicht direkt aufgeklärt, der Folder bringt nur die Songtexte. Raul Malo läßt aber auf der Mavericks-Website verlauten, die Schönheit des Sounds alter Mono-Platten habe die Band dazu inspiriert die neuen Songs in einer bestimmten Weise zu entwickeln und die CD in Mono aufzunehmen. Es gebe kaum Overdubs, und so hoffe man, die Platte nahezu genauso präsentieren zu können, wie sie aufgenommen wurde.

Das Ergebnis ist ein dumpfer Klangbrei, der vom ersten bis zum letzten Titel den Ärger über den Qualitätsverzicht wachsen läßt. Hinzu kommt, daß die von Raul Malo alleine oder mit anderen geschriebenen Songs nur Variationen von Liedern sind, die man woanders schon besser gehört hat, nicht zuletzt auf Malos latinlastigen Soloalben. Es spricht Bände, daß der stärkste Titel der Bonustrack Nitty Gritty ist; der entstammt der Feder der 1999 viel zu früh verstorbenen Tex-Mex-Legende Doug Sahm. Selbst dieses Cover ist aber praktisch überflüssig, weil es keinen Mehrwert gegenüber dem 42 Jahre alten Original von Sahms Sir Douglas Quintet bietet.

Andere Kritiker sind, was Mono betrifft, erneut auffallend mild, und die Platte hat es denn auch sofort auf Platz fünf der US-Country-Charts geschafft, wo die Scheibe rein theoretisch vom Stil her gar nicht hineinpaßt. Wenn man weiß, daß für die gute Plazierung nur 8.000 verkaufte Alben gereicht haben, läßt sich aber erahnen, daß die große Begeisterung bei vielen Mavericks-Fans ausgeblieben ist.

Das Dusville-Urteil:

Es ist enttäuschte Liebe im Spiel, ich gebe es ja zu. Und vielleicht bin ich deswegen auch etwas hart, vielleicht auch zu hart in meinem Urteil, aber ich meine, das Mavericks-Album Mono muß man nicht haben – weder in Mono noch in Stereo noch überhaupt.

Die Dusville-Wertung:

Musik                   5/10

Klang                    5/10

Ausstattung     5/10

Relevanz            5/10

Gesamt               5/10

CD The Mavericks, Mono, The Valory Music Co. [Universal-Vertrieb], 0602547218445, 2015.

Foto: Universal Music Group

Buch: Sing wie Freddy oder Jenseits des Erträglichen

Von Ingo Schiweck

Frühere deutsche EMI-Electrola-Mitarbeiter bekommen noch heute feuchte Augen, wenn die Sprache auf Heino kommt. Der Sänger mit dem hochblonden Toupet und der tiefdunklen Sonnenbrille hat ihnen schließlich mit seinen – wie es heißt – über 50 Millionen verkauften Platten zu einem Häuschen im Grünen verholfen. Besonders in den 1970er Jahren blühte der Enzian allenthalben blau, war die Haselnuß besonders schwarzbraun und ertönte der Ruf „Karamba, Karacho, ein Whisky“ ständig.

Heino, der betont deutsche Volksmusikbarde mit der Baritonstimme, verkörperte aber bald für viele auch das musikalische Feindbild par excellence. Er sang Lieder, die den 68ern suspekt erscheinen mußten, unterstützte die CDU im Wahlkampf, sang im Auftrag der Regierung des ehemaligen Nazi-Richters Filbinger die Deutschland-Hymne mit allen drei Strophen und trat fröhlich im Apartheidsstaat Südafrika auf.

Auch nach dem Abflauen der kontinuierlichen Erfolge ist Heino immer wieder zurückgekehrt und hat von sich reden gemacht hat. Daß er seine eingangs erwähnten markanten Accessoires den Moden nicht angepaßt hat, hat ihn im nationalen Bewußtsein tief verankert – sein Bekanntheitsgrad dürfte an der 100-Prozent-Marke kratzen. Zuletzt hat er auf Rocker gemacht und mit gecoverten Rock-, Pop- und Hip-hop-Songs (Mit freundlichen Grüßen) 2013 Platz eins der Albumcharts erreicht. Daß man da auch mal wieder eine Autobiographie veröffentlichen kann, bedingen die Gesetze des Marktes. Bei Bastei Lübbe ist deshalb vor kurzem Mein Weg erschienen.

Heino_-_Oktoberfest_2012, Foto Usien
Ein echter Rocker halt: Heino im Jahr 2012 auf dem Oktoberfest. (Foto: Usien; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Ehrlichkeit gilt ja gemeinhin als Tugend. Bei diesem schnell dahingeklatscht wirkenden Buch stellt sich aber die Frage, warum ein professioneller Lektor oder zumindest ein guter Freund dem inzwischen 76jährigen Heino nicht Einhalt geboten hat. Heino alias der gelernte Bäcker und Konditor Heinz Georg Kramm aus Düsseldorf-Oberbilk berichtet hier freimütig von einer Peinlichkeit nach der nächsten. Besonders einprägsam ist die Szene, in der seine außereheliche Tochter vor der Tür steht und Papa Heino vor dem Mädchen flüchtet. Und wie er beklagt, daß er kein Bundesverdienstkreuz bekommen hat, ist nur schwer zu ertragen. Ein weiterer Tiefpunkt: Allen Ernstes sinniert er in dem Buch über seine Gemeinsamkeiten mit Elvis Presley, und mit seiner dritten Frau Hannelore will er tatsächlich darüber nachgedacht haben, „wie es wohl wäre, mir in Las Vegas etwas aufzubauen und dort vielleicht eine eigene Show zu machen“. Da Las Vegas aber viel zu weit von Deutschland entfernt sei, hätten sie die Pläne wieder verworfen.

Beachtliche Überlegungen für einen, der seine Plattenkarriere als Freddy-Quinn-Imitator begonnen hat. Nachdem er inzwischen beim Tingeln von Ralf Bendix (Babysitter-Boogie) entdeckt worden war, bekam er von Bendix im Studio zu hören: „Sing einfach so wie Freddy Quinn.“ Und tatsächlich: Wer die A-Seite seiner ersten Single von 1966, 13 Mann und ein Kapitän, hört, erkennt schnell, daß es sich um einen ziemlich dreisten Abklatsch von Freddys Nummer-eins-Hit Hundert Mann und ein Befehl handelt. Viel relevanter wurde denn auch die Rückseite mit dem Titel Jenseits des Tales. Text: Börries von Münchhausen, von Adolf Hitler 1944 in die „Gottbegnadeten“-Liste aufgenommen. Das Heino-Erfolgsrezept war kreiert: Man nehme aus der „guten alten Zeit“ bekannte Volks- oder Seemanslieder und unterlege diese mit zackigem Geschrammel und Chor. Kombiniert mit ganz ähnlich klingenden Songs, die exotisch wirkende Elemente aus Nord, Mittel- und Südamerika verwenden, konnten dann problemlos zahlreiche Heino-LPs zusammengestellt werden. Das starre Imitieren von Freddy Quinns Gesangsstil hat Heino übrigens bis heute nicht aufgegeben.

Was sein bislang letztes Comeback betrifft: Man hat fast den Eindruck, der Mann glaubt tatsächlich, eine Lederjacke und ein paar gecoverte Songs machten aus ihm einen Rocker. Kreischende Teenager und gröhlende Metal-Fans tragen zu einem solchen möglichen Glauben erheblich bei. Das kommt heute dabei heraus, wenn alles nur noch relativ und damit beliebig ist. Statt der Sache angemessen zu sagen, „Verpiß dich mit deiner Scheiße“, gibt es noch unreflektierten Applaus.

Das Dusville-Urteil:

Zumindest ich will hier nicht relativieren: Heinos Buch Mein Weg ist banaler, mit Peinlichkeiten garnierter Mist in klassischem Heino-Schwarzbraun. Ich kann es – und das wird jetzt niemanden mehr überraschen – nicht empfehlen.

Die Dusville-Wertung: 1/10

Heino, Mein Weg, Bastei Lübbe, Köln 2015, ISBN 978-3-7857-2532-0, 304 Seiten, € 19,99.