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Buch: Schlager + Jazz = Greetje Kauffeld

Von Ingo Schiweck

„Greetje Kauffeld ist eine richtige Musikerin, wie ein Saxophonist, der mitspielt“, hat der Entertainer und Bandleader Götz Alsmann mal gesagt. Und wer die Sängerin hinter der Bühne erlebt, wenn sie nach einem Auftritt mit den anderen Musikern noch ein paar Schnittchen ißt und dazu ein gutes Glas Wein trinkt, erkennt: Die Niederländerin will gar kein Star sein – sheʼs just in it for the music. Obwohl Greetje Kauffeld immer noch ein Diminutiv als Vornamen führt, ist sie gerade stolze 75 geworden und kann auf eine Gesangskarriere zurückblicken, die schon in den 1950er Jahren begonnen hat. Rechtzeitig zum Geburtstag sind ihre Memoiren bei Dusville erschienen.

Als Kind sitzt Greta „Greetje“ Kloet vor dem großen Radio im Wohnzimmer und träumt davon, wie Doris Day mit großer Orchesterbegleitung zu singen. Mit 17 gibt sie 1957 die Sicherheit eines Jobs als Telefonistin für die erträumte Position der Sängerin beim Rundfunkorchester The Skymasters auf. Mit diesem Orchester sammelt sie in den Niederlanden als Greetje Kauffeld – Kauffeld ist der Mädchenname ihrer Mutter – Erfahrung im Radio, Fernsehen und bei zahlreichen Live-Auftritten. Das benachbarte Deutschland mit seinem ungleich größeren Markt und besseren Verdienstmöglichkeiten lockt aber, und so hängt die junge Sängerin auch schon bald den Posten beim Orchester an den Nagel.

In der jungen Bundesrepublik macht sich das blonde Meisje, das 1961 für die Niederlande beim Eurovison Song Contest mit „Wat een Dag!“ („Welch ein Tag!“) Platz zehn belegt, einen Namen als Schlagersängerin. Götz Alsmann, der schon häufiger mit Greetje Kauffeld auftreten durfte, meint: „Greetje ist von allen Schlagersängerinnen der 60er Jahre die jazzigste. Viele andere waren durchaus in der Lage, jazzartiges Singen herzustellen, auch über das Repertoire. Aber Greetje hat die ausgeprägteste Jazzstilistik – egal, was sie singt.“ Zum künstlerischen Glücksfall wird das jazzige „Leider nur eine schlechte Kopie“ (1961), eine Single für ihre erste deutsche Plattenfirma Polydor, mit Musik vom großartigen Orchester Kurt Edelhagen. Der größte und einzige (Solo-)Charterfolg mit Hitparadenplatz 26 jedoch ist ein paar Jahre später das schmalzige „Wir können uns nur Briefe schreiben“, über zwei Liebende, deren Glück offenbar die deutsche Teilung im Wege steht.

Als weiterer Glücksfall und als ungemein dauerhaft wird sich die Zusammenarbeit mit Paul Kuhn erweisen. „Wir schätzen uns beruflich wie privat sehr, ohne übrigens jemals Bettgeschichten miteinander gehabt zu haben“, so Kuhn, der Greetje Kauffeld für eine der „besten deutschsprachigen Sängerinnen“ hielt, im Jahr 2005. Die beiden Jazzfreunde nehmen in den 1960er Jahren bei der Electrola eine ganze Reihe gemeinsamer Schlagerplatten auf. Und obwohl auch mit diesen Duetten der richtig große kommerzielle Erfolg ausbleibt (größter gemeinsamer Hit: „Jeden Tag, da lieb ich dich ein kleines bißchen mehr“, 1964 Platz 42 der deutschen Hitparade), werden Greetje Kauffeld und Paul Kuhn bis zu Kuhns Tod im Jahr 2013 immer wieder miteinander auftreten. Eine Zeitlang machen sie in den 1960er Jahren auch gemeinsam mit Ulrik Neumann und Svend Asmussen die Fernsehsendung „Spiel mit Vieren“.

Kauffelds Schlagerzeit in Deutschland endet 1968. Ein Hineinschnuppern ins harte amerikanische Showbusineß bleibt Episode, zumindest kommt es aber in Los Angeles zu einem für die Niederländerin beglückenden Treffen mit Doris Day, ihrem Idol aus Kindheitstagen.

Auch wenn Greetje Kauffeld sagt, sie sehe sich „weniger als Jazzsängerin wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan, sondern vielmehr als Sängerin, die Titel jazzig interpretieren kann“, so legt sie nach ihrer Rückkehr aus den USA in die niederländische Heimat doch eine beachtliche zweite Karriere im Jazz hin. Unterstützt von ihrem Mann und Produzenten Joop de Roo, nimmt sie ab den 1970er Jahren mit Spitzenmusikern mehrere Platten auf, die zu den Perlen des europäischen Jazz zählen. Beispiele sind das 1974 im Godorfer Rhenus-Studio entstandene Album „And let the Music Play“ sowie „The Song is you“ von 1987. Während 1974 Rob Pronk mit Jerry van Rooyen arrangiert und eine große Besetzung mit Musikern wie Jiggs Whigham, Rick Kiefer oder Ack van Rooyen mit an Bord ist, nimmt Kauffeld die LP „The Song is you“ lediglich mit Gitarrist Peter Nieuwerf und Saxophonist Ruud Brink als Greetje Kauffeld Trio auf. Ein weiteres Highlight: Das Album „My Shining Hour“, 2004 live auf der Muddy’s Club Studiobühne in Weinheim an der Bergstraße aufgezeichnet, ist eine Jazzproduktion, bei der die alten Weggefährten Kauffeld und Kuhn noch mal gemeinsam zeigen können, was sie drauf haben.

Nach vielen Plattenproduktionen sowie unzähligen Auftritten in Deutschland und den Niederlanden – allein 13mal war sie auf dem renommierten North Sea Jazz Festival vertreten – zieht sich Greetje Kauffeld immer noch nicht aufs Altenteil zurück. Mit 75 wagt die gerade mit dem Edison Jazz für ihre Lebenswerk Ausgezeichnete aber eine vorläufige Bilanz und hat dazu ihre erstmals vor fast zehn Jahren erschienenen Memoiren überarbeitet sowie auf den neuesten Stand gebracht. Das neue, 304 Seiten starke Buch kommt unter anderem mit tollen Fotos und einer besonders ausführlichen aktuellen Diskographie daher.