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Buch: Neuerer zwischen den Welten

Von Ingo Schiweck

„Ich bin ein Augenmensch“ lautet der Untertitel von Norbert Grobs Fritz-Lang-Biographie – wie schrecklich muß es für den „Metropolis“-Regisseur und Kosmopoliten Lang gewesen sein, daß er in den letzten Jahren seines Lebens so gut wie blind war.

Fritz Langs Aufstieg, wie ihn Norbert Grob in seinem Buch beschreibt, ist schon ziemlich erstaunlich. Da zieht ein kunstbegeisterter junger Wiener aus gutem Hause nach München und Paris, dann als k.-u.-k.-Soldat in den Krieg, und 1918 kann er neben seinen soldatischen Aktivitäten schon als Drehbuchautor und Dramaturg für Erich Pommers Berliner Filmproduktionsgesellschaft Decla arbeiten. Mit dem Stummfilm „Der müde Tod“ erlebt er nur drei Jahre darauf seinen Durchbruch als Regisseur. Schon der Anfänger Lang ist ein besessener technischer wie ästhetischer Neuerer, ein radikaler Moderner, einer mit Sinn für Abgründiges.

Und der dem Luxus zugetane junge Regisseur avanciert zum Star: Mit seiner zweiten Frau, der Drehbuchautorin Thea von Harbou, bildet der Mann mit dem Monokel am linken Auge ein Traumpaar der Berliner Gesellschaft. Mit dem großartigen Social-Fiction-Klassiker „Metropolis“ (1927) dreht er den teuersten Film der Weimarer Republik und ein großes finanzielles Desaster für die Produktionsgesellschaft Ufa. Mit „M“ (1931) – von vielen gar als wichtigster deutscher Film aller Zeiten betrachtet – kommt Lang auch in der Tonfilm-Ära an.

Im nationalsozialistischen Deutschland will der Deutschösterreicher Lang, dessen „Testament des Dr. Mabuse“ (1933) verboten wird, nicht bleiben. Er emigriert über die Zwischenstation Frankreich in die USA. In Berlin noch ein politischer Ignorant, engagiert sich Lang in Hollywood gegen die Nationalsozialisten – finanziell, aber auch mit Filmen wie „Man Hunt“ (1941) und „Hangmen also die!“ (1943). Nach dem Krieg wird er, der 1939 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, deswegen in den Fokus des Komitees für unamerikanische Umtriebe geraten. Norbert Grob schildert, wie Lang trotz seiner großen europäischen Erfolge in den USA immer wieder kämpfen muß, um Filme drehen zu können. Und wie er sich dazu anpaßt, ohne sich selbst untreu zu werden.

1946 ist Fritz Lang auf dem Höhepunkt seiner Karriere in Hollywood, wo er neben dem Film seiner zweiten Obsession, den Frauen, ausgiebig frönt. Dann aber scheitert er mit seiner erst kurz zuvor gegründete Produktionsgesellschaft und wird von vielen in der amerikanischen Filmmetropole gemieden. Um im Geschäft zu bleiben, dreht er relativ belanglose Genrefilme, darunter den Western „Rancho Notorious“ (1952) mit Marlene Dietrich, einer seiner zahlreichen Affären. Es entsteht aber auch der großartige „The Big Heat“ (1953) mit Glenn Ford. Dieser Streifen über die Macht des organisierten Verbrechens läßt sich als US-Pendant zu seinen deutschen Dr.-Mabuse-Filmen betrachten.

Der Kreis schließt sich vollends, als Lang aus der jungen Bundesrepublik Angebote bekommt und neben den aufwendigen Remakes „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ (1959) „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960) dreht.

Ein Filmprojekt mit Jeanne Moreau kann Lang wegen seiner schwindenden Sehkraft nicht mehr realisieren. Hochgeehrt stirbt er 1976 im Alter von 85 Jahren seinem Haus in Beverly Hills.

Das Dusville-Urteil:

Norbert Grobs Buch liest sich gut und ist eine solide Darstellung von Fritz Langs Leben und Werk. Neues erfährt der Leser über den Regisseur und Menschen Lang aber leider nicht. An so mancher Stelle hätte man sich anstelle eines Zitats aus der Literatur eine eigene Einschätzung des Autors gewünscht. Und einem Buch über einen „Augenmenschen“ hätte schließlich auch mehr Bildmaterial nicht geschadet – jetzt aber wirkt es fast wie bei diesem Beitrag, bei dem wir ganz auf Bilder verzichtet haben.

Die Dusville-Wertung: 7/10

Norbert Grob, Fritz Lang. „Ich bin ein Augenmensch.“ Die Biographie, Propyläen [Ullstein Buchverlage], Berlin 2014, ISBN 978-3-549-07423-7, 447 Seiten, € 26,–.