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Buch: Amsterdamer Schule in Rietvelds Utrecht

Von Ingo Schiweck

Mit der niederländischen Stadt Utrecht verbinden wir so einiges: die Uni zum Beispiel, die mittelalterliche Innenstadt mit dem Dom und den Frieden von Utrecht. Ja, und Architekturfreunden wird auch sofort der große Möbeldesigner und Architekt Gerrit Rietveld einfallen, dessen Leben in Utrecht begann und auch dort endete. Weltberühmt ist sein Utrechter Rietveld-Schröder-Haus von 1924/25, das als Manifest von De Stijl und damit als Ikone der Moderne zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. An die Amsterdamer Schule denken aber die wenigsten, wenn die Sprache auf Utrecht kommt.

Die Amsterdamer Schule, die dem Rationalismus des damaligen architektonischen Übervaters Berlage Expressionismus, Romantik und Phantasie entgegegensetzte und eine „vertieft-persönliche Schönheit“ anstrebte, wie es Jan Gratama 1916 zusammengefaßt hat, ist ja eine Architekturbewegung, die schon nach einer ganz anderen Stadt – der niederländischen Hauptstadt eben – benannt ist. Und die berühmtesten Bauten dieser Strömung der Jahre 1910 bis 1930 stehen schließlich auch in Amsterdam. Das Scheepvaarthuis von Joan van der Meij schräg gegenüber dem Amsterdamer Hauptbahnhof etwa oder die „Arbeiterpaläste“ des früh gestorbenen Genies Michel de Klerk in der Spaarndammerbuurt sind weltweit nicht nur Architekturexperten ein Begriff. Die Amsterdamer Gebäude beeindrucken mit einer teils sehr lebhaft modellierten Außenhaut, hauptsächlich aus dem traditionellen Material Backstein, mit Turmelementen und mit oftmals freundlichen Farben, die so ganz anders wirken als die bisweilen geradezu düstere deutsche Ziegelarchitektur jener Jahre. Die Bauten der Amsterdamer Schule bieten phantasievolle Ornamente, aus Backstein oder von Bildhauern in Werkstein ausgeführt, die ihre Vorbilder häufig in der Natur hatten; nicht selten sind an den Gesamtkunstwerken der Schule auch mit großem Geschick hergestellte schmiedeeiserne Elemente zu finden, beeindruckend geformte Fensterrahmen aus Holz und verwirrend bunte Bleiglasfenster.

Detail Noordzeestraat kl
Utrechter Schule: Das ehemalige Schulgebäude in der Noordzeestraat zu Utrecht könnte auch in Amsterdam stehen. (Foto: Ingo Schiweck)

Die Bewegung, die so gebaut hat, blieb nicht auf Amsterdam beschränkt, sondern sie konnte sich über die gesamten Niederlande ausbreiten. Und so finden wir tatsächlich auch in Utrecht, der viertgrößten Stadt des Landes, Zeugnisse der Amsterdamer Schule. Ein kleiner Wander- und Radführer mit Spiralbindung, der vor kurzem beim niederländischen Print-on-Demand- und Selfpublishing-Dienstleister Free Musketeers erschienen ist, zeigt, daß es sich dabei um weitaus mehr handelt, als um die üblichen Verdächtigen. Neben der ehemaligen Hauptpost von Joseph Crouwell mit ihrer beeindruckenden Halle oder der alten Polizeistation an der Tolsteegbrug rücken so auf den vier im Führer enthaltenen Routen weniger bekannte Highlights wie der Wasserturm am Neckardreef und die frühere Schule in der Noordzeestraat aus dem Jahr 1926 in den Fokus. Das ist das Verdienst des Büchleins. Leider läßt sich darüber hinaus nicht viel Positives sagen: Über die Geschichte und Geschichten hinter den Gebäuden erfährt der Nutzer wenig, die Fotos sind nicht immer gelungen, und wenn man im Führer ein bestimmtes Gebäude sucht, kann das dauern.

Das Dusville-Urteil:

Die Idee ist gut, die Umsetzung weniger. Es wäre besser gewesen, ein richtiger Verlag mit richtigem Lektorat hätte sich an das Projekt gewagt. Immerhin scheint beim Publikum Interesse an dem Führer zu bestehen, denn bei Free Musketeers zählt er, wenn man der Website des Anbieters glauben darf, seit Monaten zu den Top fünf der bestverkauften Titel.

Die Dusville-Wertung: 5/10

Ronald Elink Schuurman/Bob Lodewijks, De Amsterdamse School in Utrecht. Vier Wandel- of Fietsroutes door de Stad, Free Musketeers, Zoetermeer 2014, ISBN 9789048433971, 136 Seiten, € 15,95.