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Buch: Die Paul-Schneider-Esleben-Häuser

Von Ingo Schiweck

So plötzlich, wie er da war, war er kurz vor Weihnachten auch wieder vom Tisch: der Vorschlag, das Düsseldorfer Mannesmann-Hochhaus in Richard-von-Weizsäcker-Haus umzubenennen. Was bei der kurzen, aber heftig geführten Namensdiskussion auffällt, ist daß der Name des Hochhaus-Architekten darin eigentlich nie erwähnt wurde. Vielen Düsseldorfern wird er auch gar kein Begriff sein. Dabei hat Paul Schneider-Esleben so viele markante Bauten in der NRW-Landeshauptstadt geschaffen wie kaum ein anderer Architekt.

Ein Buch rückt Schneider-Esleben und sein Werk in den Fokus. Erschienen ist es als Katalog zur kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung in München – der Düsseldorfer Architekt hat sein Archiv leider dem Architekturmuseum der TU München vermacht. Der 1915 geborene Sohn des Architekten Franz Schneider beginnt in den 1930er Jahren ein Architekturstudium, das aber durch den Krieg unterbrochen wird. Was folgt, ist Stoff für ein „Landser“-Heftchen: PSE, so sein späteres Kürzel, wird Flieger, gerät schwer verletzt in sowjetische Gefangenschaft, kann fliehen und sich schließlich zu den Eltern durchschlagen.

Viel wichtiger als das erlernte Kriegshandwerk: Eine Begegnung mit dem Architekten Rudolf Schwarz 1942 in Lothringen sowie Berichte über den inzwischen in die USA emigrierten Ludwig Mies van der Rohe und das Bauhaus erweitern den Horizont des sonst mit dem NS-Neoklassizismus konfrontierten Schneider-Esleben.

Nach dem Krieg nimmt er sein Studium wieder auf, das er mit Karikaturen finanziert. Als selbständiger Architekt baut er dann die beschädigte Kirche St. Bonifatius in Düsseldorf-Bilk wieder auf. Diesem Backstein-Bau seines Vaters von 1927/28 wird unter anderem eine Betonfassade mit bunten, dreieckigen Fensterchen verpaßt. Und schon nach wenigen Jahren der Selbständigkeit kommen richtige Knaller für das führende Nachkriegswirtschaftszentrum Düsseldorf – im Buch mit einem Thilo-Hilpert-Zitat auch als „heimliche Hauptstadt der Republik“ tituliert – aus Schneider-Eislebens Büro. Sie prägen nicht nur die Stadt, sondern sichern PSE auch seinen Platz in der Architekturgeschichte. Bereits 1951–53 wird seine Haniel-Garage an der Grafenberger Allee gebaut, ein Parkhaus für 500 Autos. Dabei handelt es sich um eines der ersten Bauwerke in Deutschland, bei dem das Stahlbetonskelett vollständig von einer gläsernen Vorhangfassade umgeben ist. Schneider-Esleben ist damals im Düsseldorfer Architektenstreit auf Seiten des Architektenrings Düsseldorf anzutreffen. Der kritisiert besonders die nahtlos an die NS-Zeit anknüpfende Planung und Personalpolitik von Friedrich Tamms, dem Leiter des Stadtplanungsamts. Die großen, autogerechten Durchbrüche à la Tamms sind mit vielen Parkplätzen an den Straßen zu kombinieren. Ein Parkhaus wie das von Schneider-Esleben in Düsseltal paßt nicht ins Bild. Tamms würde es denn auch am liebsten hinter einer Häuserzeile verstecken, was aber – zum Glück – nicht realisiert wird.

Was nun folgt ist ein kleines Best of der gestalterisch wie technisch anspruchsvollen Düsseldorfer Nachkriegsarchitektur mit internationaler Inspiration – und vor allem internationaler Strahlkraft: die neue Rochuskirche mit der eiförmigen Kuppel (1953–55), die Mannesmann-Hauptverwaltung als erstes Stahlskeletthochhaus der Bundesrepublik (1955–58), die Volksschule an der Rolandstraße mit Kunst von Beuys, Uecker, Mack und Piene (1958–61), das heute stark verwahrloste Commerzbank-Gebäude mit der Aluminiumfassade (1963–66) oder auch das leider schon wieder abgerissene ARAG-Terrassenhochhaus (1964–67).

Paul Schneider-Esleben stirbt 2005 im hohen Alter von 89 Jahren. Zwei Kuriositäten sollten zum Schluß nicht verschwiegen werden. Zum einen hat er der benachbarten Domstadt Köln (und der damaligen Bundeshauptstadt Bonn) ihren neuen Flughafen geschenkt (1966–70), zum anderen ist er der Vater von Florian Schneider-Esleben, der als Mitbegründer der extrem einflußreichen Düsseldorfer Kultband Kraftwerk Weltruhm erlangt hat.

Das Dusville-Urteil:                                                                                                    Das reich bebilderte Katalogbuch über Paul Schneider-Esleben steht am Beginn eines Forschungsprojekts. Prägnante Aufsätze zu einzelnen Themen werden kombiniert mit Beschreibungen besonders relevanter Objekte. Wünschenswert gewesen wären einheitlichere Angaben zum aktuellen Zustand von Gebäuden und zum Denkmalschutz. Und wenn man vermeintlich schicke Abkürzungen verwendet, dann bitte nicht die Bundesrepublik zum Bund Deutscher Radfahrer machen. Für Architektur- und besonders für Düsseldorfbegeisterte ist nichtsdestotrotz eine absolute Kaufempfehlung auszusprechen.

Die Dusville-Wertung: 9/10

Andres Lepik/Regine Heß (Hrsg.), Paul Schneider-Esleben. Architekt, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015, 208 Seiten, ISBN 978-3-7757-3998-6, € 35,–.

P. S.: Eine PSE-Ausstellung wird vom 21. Januar bis zum 24. Februar 2016 in Schneider-Eslebens seit dem vergangenen Dezember denkmalgeschützter Wuppertaler Stadtsparkasse (1969–73) gezeigt.

Buch: Begrenztes Repertoire? Unerschöpfliche Phantasie!

Von Nicole Stöcker

Tim Burton vergleicht Museen mit Friedhöfen. Das meint der Macher schaurig-schöner und skurriler Filmmärchen gar nicht mal negativ. „Hier wie dort herrscht eine ruhige, introspektive und zugleich faszinierende Atmosphäre, geprägt von Spannung, Geheimnisvollem, Entdeckungen, Leben und Tod – und das alles an einem Ort“, schreibt der US-Regisseur, -Produzent und -Drehbuchautor (unter anderem Batman, Mars Attacks!, Charlie und die Schokoladenfabrik) im Begleitband zu seiner aktuellen Ausstellung im rheinischen Brühl. Nach Stationen in Prag, Tokio und Osaka ist das bildkünstlerische Werk Burtons erstmals in Deutschland zu bewundern: Noch bis zum 3. Januar 2016 zeigt das Max Ernst Museum Brühl unter dem Titel The World of Tim Burton über 500 Zeichnungen, Gemälde, Filmpuppen, Fotografien, Storyboards und persönliche Dokumente, aber auch frühe Filme aus Tim Burtons Schul- und Studienzeit sowie aus den Jahren bei Disney.

Hatje Cantz hat dem zweisprachigen Museumskatalog (Deutsch/Englisch) ein sehr poppiges, zum surrealistischen, comicnahen Stil Burtons passendes Kleid verpaßt: Der Titel und der zur Marke gewordene Strubbelkopf Burtons auf dem tiefschwarzen Einband sind in einem hellem Neonblau gehalten, das im Dunkeln sogar leuchtet. Die Texte im Innern sind gehaltvoll. Museumsdirektor Achim Sommer setzt sich im Vorwort intensiv mit Burtons zeichnerischen Schaffen auseinander. Die Zeichnung arbeitet er als „zentrales Medium, um seine [i. e. Burtons] überbordende, unablässig produzierende Fantasie anschaulich zu fixieren und sich ihrer rückzuversichern“, heraus. Es folgt ein ausführliches Interview mit dem Künstler, in dem nicht nur Burtons Humor, sondern auch seine Bescheidenheit durchscheinen. Auf die Frage, was ihn dazu inspiriere, bereits in früheren Zeichnungen anklingende Figuren zu Filmcharakteren weiterzuentwickeln – wie beispielsweise Jack Skellington, Hauptfigur im von Burton produzierten Stop-Motion-Film Nightmare before Christmas –, antwortet Burton: „Es gibt eine bestimmte Ästhetik, die ich besonders mag, und diese findet sich in mehr als einem meiner Charaktere wieder. Außerdem ist mein zeichnerisches Repertoire schlicht und einfach begrenzt. Deshalb sieht alles gleich aus!“ Die liebevoll bebilderte Biographie am Ende des Katalogs basiert unter anderem auf dem sehr empfehlenswerten Buch Mondbeglänzte Zaubernächte. Das Kino von Tim Burton von Christian Heger (2010 im Schüren Verlag erschienen).

Weniger gelungen als die Texte ist die Präsentation der Werke: In dem sowieso nicht gerade großformatigen Katalog sind die reproduzierten Zeichnungen, Skizzen und Gemälde noch einmal von weißen Rahmen umgeben, wodurch zwar genügend Raum für Bildunterschriften bleibt, sich das Potential der Bilder selbst aber nicht entfalten kann. Ein Eintauchen in die bunte, quirlige Welt mit ihren vielen schrägen Details will hier nicht wirklich gelingen. Die 60 Seiten Bildteil (von insgesamt 120 Seiten des Katalogs) deuten nur schwach an, was sich in der Ausstellung selbst innerhalb unterschiedlicher Themenbereiche entfaltet.

Brühl: Max Ernst Museum: Tim Burton Ausstellung
The master himselfie: Tim Burton fotografiert zur Eröffnung der Ausstellung in Brühl Tim Burton (Foto: Max Ernst Museum Brühl des LVR/Julia Reschucha, LVR-ZMB).

Als wesentlich umfangreicherer, aufwendigerer und auch teurerer Titel hat der 2009 erschienene amerikanische Bildband The Art of Tim Burton (Steeles Publishing) einiges mehr zu bieten als der Katalog: Das in Leinen eingeschlagene Trumm von einem Buch, mit Lesebändchen und ausklappbaren Elementen, stellt auf 434 Seiten über 1.000 Bilder vor. 13 Kapitel mit jeweils eigener Einleitung führen durch die überbordende „burtoneske“ Fantasiewelt. Herausgeber sind die zu Burtons Team gehörenden Derek Frey (Associate Producer), Holly C. Kempf (Grafikdesignerin) und Leah Gallo (Fotografin). Gallo vermittelt in ihrer Einleitung einen lebendigen Eindruck von der Entstehung des Buchs, das eine Auswahl aus über 10.000 Bildern darstellt, die zu einem großen Teil noch nicht mal archiviert waren. Burtons Standfotografin ist es auch, die für die pointierten Kapiteleinleitungen verantwortlich zeichnet.

Einzelnen Figuren und Themen gibt das Buch viel Raum. Die Leser können zum Beispiel nachvollziehen, welche zeichnerischen Stationen Edward Scissorhands durchlaufen hat, bevor er zu der Gestalt wurde, die wir aus dem filmischen Gesamtkunstwerk Edward mit den Scherenhänden kennen. Zu sehen ist unter anderem eine besonders düstere Variante der Figur, die von der zart-morbiden Schönheit des Edward-Darstellers Johnny Depp meilenweit entfernt ist. Burton hat die Skizze mit Pastellkreide auf schwarzem Papier festgehalten.

Einen großen Auftritt bekommen auch viele Zeichnungen, die unabhängig von verwirklichten wie nicht verwirklichten Filmprojekten entstanden sind. So hat sich Burtons Vorliebe für Science-Fiction der 1950er und 1960er Jahre in einer umwerfenden Parade außerirdischer Wesen manifestiert. Und in einem eigenen Kapitel stehen Clowns, Puppen und Bauchredner als Konstante im Burton-Kosmos zentral – ausgestattet mit Äxten, großen Zähnen und langen Greifer-Armen. Entsprechend mutieren in Burtons Skizzenbüchern auch „normale Menschen“ nicht selten zu skurrilen Erscheinungen, was im Buch ebenfalls ausführlich dokumentiert ist.

Nett zu lesen sind die hier und da eingestreuten Gedanken und Anekdoten von Freunden und Kollegen des Regisseurs. Viele kommen von Burtons langjähriger Lebensgefährtin Helena Bonham Carter, die, wie auch Johnny Depp, zum Stammpersonal in Burtons Filmen gehört. Sie berichtet im zehnten Kapitel, „Love“, wie sie den Regisseur bei den Dreharbeiten zu Planet der Affen kennengelernt hat und dieser ihr gemalte Liebesbriefe zukommen ließ, wovon zwei im Buch abgebildet sind. Auf einem zeigt ein Aquarell einen schwarzen Kopf mit strubbeligem Haar, großen Augen und zugenähtem Mund, der über einer Prozession roter Highheels schwebt. Burton hat die skurrile Szene „Head over Heels“ genannt.

Das Dusville-Urteil:
Der Eintritt zur Ausstellung The World of Tim Burton im Max Ernst Museum Brühl ist sehr gut investiertes Geld, für Tim-Burton-Fans sowie Film- und Kunstfreunde im allgemeinen. Der Ausstellungskatalog von Hatje Cantz kann als solide Einführung in die nichtfilmischen Ausdrucksformen des Filmkünstlers Tim Burton gewertet werden. Wer aber auch nach dem Museumsbesuch tiefer in diesen Burton-Kosmos eintauchen will, muß auch tiefer in die Tasche greifen, um den überwältigenden englischsprachigen Bildband The Art of Tim Burton zu erwerben. Eine Warnung sei dazu ausgesprochen: Ein stabiles Bücherregal sollte für die Aufbewahrung des Vier-Kilo-Werks vorhanden sein.

Die Dusville-Wertung:
Katalog 7/10
Bildband 10/10

Achim Sommer (Hrsg.), The World of Tim Burton, Hatje Cantz, Ostfildern 2015, ISBN 978-3-7757-4029-6, 120 Seiten, € 24,80.

Derek Frey/Leah Gallo/Holly C. Kempf (Hrsg.), The Art of Tim Burton, Steeles Publishing, Los Angeles 2009, ISBN 978-1-9355-3915-5, 434 Seiten, $ 69,99 (eine Luxusversion für $ 299,99 ist beim Verlag vergriffen) bzw. £ 49,99 oder in der Brühler Ausstellung 65 Euro.