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Buch: Sing wie Freddy oder Jenseits des Erträglichen

Von Ingo Schiweck

Frühere deutsche EMI-Electrola-Mitarbeiter bekommen noch heute feuchte Augen, wenn die Sprache auf Heino kommt. Der Sänger mit dem hochblonden Toupet und der tiefdunklen Sonnenbrille hat ihnen schließlich mit seinen – wie es heißt – über 50 Millionen verkauften Platten zu einem Häuschen im Grünen verholfen. Besonders in den 1970er Jahren blühte der Enzian allenthalben blau, war die Haselnuß besonders schwarzbraun und ertönte der Ruf „Karamba, Karacho, ein Whisky“ ständig.

Heino, der betont deutsche Volksmusikbarde mit der Baritonstimme, verkörperte aber bald für viele auch das musikalische Feindbild par excellence. Er sang Lieder, die den 68ern suspekt erscheinen mußten, unterstützte die CDU im Wahlkampf, sang im Auftrag der Regierung des ehemaligen Nazi-Richters Filbinger die Deutschland-Hymne mit allen drei Strophen und trat fröhlich im Apartheidsstaat Südafrika auf.

Auch nach dem Abflauen der kontinuierlichen Erfolge ist Heino immer wieder zurückgekehrt und hat von sich reden gemacht hat. Daß er seine eingangs erwähnten markanten Accessoires den Moden nicht angepaßt hat, hat ihn im nationalen Bewußtsein tief verankert – sein Bekanntheitsgrad dürfte an der 100-Prozent-Marke kratzen. Zuletzt hat er auf Rocker gemacht und mit gecoverten Rock-, Pop- und Hip-hop-Songs (Mit freundlichen Grüßen) 2013 Platz eins der Albumcharts erreicht. Daß man da auch mal wieder eine Autobiographie veröffentlichen kann, bedingen die Gesetze des Marktes. Bei Bastei Lübbe ist deshalb vor kurzem Mein Weg erschienen.

Heino_-_Oktoberfest_2012, Foto Usien
Ein echter Rocker halt: Heino im Jahr 2012 auf dem Oktoberfest. (Foto: Usien; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Ehrlichkeit gilt ja gemeinhin als Tugend. Bei diesem schnell dahingeklatscht wirkenden Buch stellt sich aber die Frage, warum ein professioneller Lektor oder zumindest ein guter Freund dem inzwischen 76jährigen Heino nicht Einhalt geboten hat. Heino alias der gelernte Bäcker und Konditor Heinz Georg Kramm aus Düsseldorf-Oberbilk berichtet hier freimütig von einer Peinlichkeit nach der nächsten. Besonders einprägsam ist die Szene, in der seine außereheliche Tochter vor der Tür steht und Papa Heino vor dem Mädchen flüchtet. Und wie er beklagt, daß er kein Bundesverdienstkreuz bekommen hat, ist nur schwer zu ertragen. Ein weiterer Tiefpunkt: Allen Ernstes sinniert er in dem Buch über seine Gemeinsamkeiten mit Elvis Presley, und mit seiner dritten Frau Hannelore will er tatsächlich darüber nachgedacht haben, „wie es wohl wäre, mir in Las Vegas etwas aufzubauen und dort vielleicht eine eigene Show zu machen“. Da Las Vegas aber viel zu weit von Deutschland entfernt sei, hätten sie die Pläne wieder verworfen.

Beachtliche Überlegungen für einen, der seine Plattenkarriere als Freddy-Quinn-Imitator begonnen hat. Nachdem er inzwischen beim Tingeln von Ralf Bendix (Babysitter-Boogie) entdeckt worden war, bekam er von Bendix im Studio zu hören: „Sing einfach so wie Freddy Quinn.“ Und tatsächlich: Wer die A-Seite seiner ersten Single von 1966, 13 Mann und ein Kapitän, hört, erkennt schnell, daß es sich um einen ziemlich dreisten Abklatsch von Freddys Nummer-eins-Hit Hundert Mann und ein Befehl handelt. Viel relevanter wurde denn auch die Rückseite mit dem Titel Jenseits des Tales. Text: Börries von Münchhausen, von Adolf Hitler 1944 in die „Gottbegnadeten“-Liste aufgenommen. Das Heino-Erfolgsrezept war kreiert: Man nehme aus der „guten alten Zeit“ bekannte Volks- oder Seemanslieder und unterlege diese mit zackigem Geschrammel und Chor. Kombiniert mit ganz ähnlich klingenden Songs, die exotisch wirkende Elemente aus Nord, Mittel- und Südamerika verwenden, konnten dann problemlos zahlreiche Heino-LPs zusammengestellt werden. Das starre Imitieren von Freddy Quinns Gesangsstil hat Heino übrigens bis heute nicht aufgegeben.

Was sein bislang letztes Comeback betrifft: Man hat fast den Eindruck, der Mann glaubt tatsächlich, eine Lederjacke und ein paar gecoverte Songs machten aus ihm einen Rocker. Kreischende Teenager und gröhlende Metal-Fans tragen zu einem solchen möglichen Glauben erheblich bei. Das kommt heute dabei heraus, wenn alles nur noch relativ und damit beliebig ist. Statt der Sache angemessen zu sagen, „Verpiß dich mit deiner Scheiße“, gibt es noch unreflektierten Applaus.

Das Dusville-Urteil:

Zumindest ich will hier nicht relativieren: Heinos Buch Mein Weg ist banaler, mit Peinlichkeiten garnierter Mist in klassischem Heino-Schwarzbraun. Ich kann es – und das wird jetzt niemanden mehr überraschen – nicht empfehlen.

Die Dusville-Wertung: 1/10

Heino, Mein Weg, Bastei Lübbe, Köln 2015, ISBN 978-3-7857-2532-0, 304 Seiten, € 19,99.

Buch: Danke, Mettmann!

Von Ingo Schiweck

Was haben Heino und die Toten Hosen gemeinsam? Klar, sie teilen sich die Düsseldorfer Heimat, aber noch auffälliger ist: Sie polarisieren nicht mehr. Die Band, einst als Bürgerschreck gefürchtet, lockt heute auch Berthold von der Rechtsschutzversicherung und sogar Omi und Opi – früher das klassische Publikum eines heute „rockenden“ Heino – in die Stadien. Wenn dann auch die CDU-Führung den Hosen-Hit „Tage wie diese“ trällert, verwundert das nicht weiter.

Mit der vor kurzem erschienenen autorisierten Band-Biographie „Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm“ ist dem Autor Philipp Oehmke im Musikjargon ein Top-ten-Hit gelungen. Dabei werden viele Hardcore-Hosen-Fans vielleicht gar nicht so viel mit dem Werk anfangen können – für sie gibt es ja auch schon mehrere Fotobücher. Aber unter den immer zahlreicher gewordenen Sympathisanten und selbst unter den offenbar nur noch wenigen verbliebenenen Ablehnern werden umso mehr Menschen „Am Anfang war der Lärm“ mit Gewinn lesen. Oehmke hat nämlich eine phasenweise richtig, richtig gute Musikerbiographie geschrieben.

Wer die ersten, etwas belanglosen 40 Seiten überstanden hat, begibt sich mit dem Autor auf eine Reise in die Geschichte der Bundesrepublik. Es ist zunächst eine Reise in die vor den Toren der späteren Hosen-Heimat Düsseldorf gelegenen Kreisstadt Mettmann. In der Jägerzaunidylle Mettmann sollte man nicht alleine sein: Man braucht immer jemanden, der einen zwickt, damit klar ist, daß man noch nicht tot ist. Andreas Frege, der spätere Hosen-Frontmann Campino, und Andreas Meurer, der künftige Bassist Andi bei der Band, lernen sich hier 1976/77 im Hockeyverein kennen. Während die Elterngeneration, die den Nationalsozialismus miterlebt und teilweise auch mitgetragen hat, sich nichts mehr als eine möglichst heile, eine Mettmanner Welt wünscht, begehrt die nachfolgende Generation auf, legt teilweise eine ziemliche Zerstörungswut an den Tag. Der mit einer englischen Mutter gesegnete Campino wird über seinen älteren Bruder John mit Punk infiziert, die Gründung zunächst der Band ZK (1978) mit ihren legendären Auftritten in der Düsseldorfer Altstadt und dann der Toten Hosen (1982) folgen.

Die darauffolgenden Jahre zeigen eine für deutsche Verhältnisse ziemlich einmalige Geschichte mit vielen Höhe- und nur wenigen wirklichen Tiefpunkten. Philipp Oehmke kann aus dem vollen schöpfen, wenn er sehr lebendig die mit Prügeleien und Zerstörungen einhergehenden frühen Konzerte, das für ein niederländisches Mädchen tödlich endende nur angeblich eintausendste Konzert 1997 im Rheinstadion oder die bemerkenswerte Popularität der Gruppe in Argentinien beschreibt. Die vielen Zeitsprünge im Buch irritieren manchmal. Etwas irritierend auch: Kreativitätskrisen, wie sie bei einem Ausstoß von allein 15 Studioalben – darunter acht Nummer-eins-Scheiben – normal sind, werden hier arg überdramatisiert.

Campino in Buenos Aires
Voller Einsatz: Tote-Hosen-Sänger Campino singt und klettert zur Begeisterung von Fans und Fotografen, Buenos Aires 2009. (Foto: Libertinus Yomango; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/ )

Sehr hübsch, wenn auch ein bißchen nostalgisch, sind die kleinen historischen Analysen des Autors. Mitte der 1980er Jahre wurde ein Konzert der Hosen auf Helgoland verboten. Die Band nahm trotzdem die Fähre zur Insel, soff und sang auf dem Schiff mit 300 Punks unter den Augen der Polizei und von einem Kameramann gefilmt. Oehmke dazu:

„Wenn man sich die Filmbilder dieser gegenkulturellen Butterfahrt heute anschaut, erkennt man eine Härte, Kompromisslosigkeit und den Willen zum Ärgermachen – ein kompletter Gegenentwurf zur heutigen Ballermann-Kultur und dem Flatrate-Saufen. Früher hatte diese Hingabe an den Alkohol noch eine rebellische Absicht, heute ist sie nur mehr eine Betäubung, weil die Feiernden sich längst mit den Gegebenheiten abgefunden haben.“

Nach 33 Jahren, 17 Millionen verkauften Platten, unzähligen Konzerten und einer Entwicklung vom Punk über Fun-Punk bis zum massentauglichen, dabei aber noch mit Sozialkritik garnierten Rock sind die Toten Hosen ein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Die „größte deutsche Rockband“, wie es im Buch so schön heißt. In ihrer Erfolgsorientierheit und ihrem so deutschen Fleiß können die Bandmitglieder hervorragend mit der Vätergeneration mithalten.

Ihren Manager, Jochen Hülder, der einen wichtigen Beitrag zum großen Erfolg der Gruppe geleistet hat, haben die Hosen vor ein paar Wochen in Düsseldorf zu Grabe getragen. Daß Campino, Andi, Breiti, Kuddel und Vom selbst nicht mehr die Fittesten sind, ist kein Geheimnis. Und so beschleicht einen manchmal das Gefühl, daß das Buch ein Auftakt zum Abschied sein könnte. Aber mal ehrlich: Einen Abschied von den Toten Hosen will sich niemand, besonders niemand, der – wie betäubt auch immer – die 80er Jahre erlebt hat, wirklich vorstellen.

Das Dusville-Urteil:

Philipp Oehmkes Buch ist eine wirklich gut geschriebene Band-Biographie, die selbst derjenige mit Gewinn liest, der vielleicht doch musikalisch so gar nichts mit den Toten Hosen anfangen kann. Talentscouts werden in Zukunft möglicherweise öfter Mettmann ansteuern, aber nur zu zweit.

Die Dusville-Wertung: 9/10

Philipp Oehmke, Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm, Rowohlt Verlag, Reinbek 2014, ISBN 978-3-49-807379-4, 384 Seiten, € 19,95.