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(HD)CD: Flatt & Scruggs Revisited

Von Ingo Schiweck

„The Earls of Leicester“ steht auf dem CD-Cover, und zu sehen sind sechs freundlich dreinblickende Herren mit Hüten und String ties. Solche String ties kennen die meisten von Gary Cooper aus „High Noon“ (1952). Gedacht sind die dünnen Schleifen-Schlipse bei den Musikern aber – ebenso die Kopfbedeckungen – als Reverenz an Lester Flatt und Earl Scruggs, wie schon der augenzwinkernde Bandname andeutet.

The Earls of Leicester klein
Recht freundlich: The Earls of Leicester (Foto: Anthony Scarlati/Rounder Records/Concord Music).

Flatt & Scruggs – das waren zwei kongeniale Musiker, die wesentlichen Anteil an der Entstehung des Bluegrass hatten. Mit ihrer Gruppe The Foggy Mountain Boys schafften sie es sogar, Teil der amerikanischen Popkultur zu werden, man denke an ihren Titelsong zur 1962 gestarteten Sitcom „The Beverly Hillbillies“, „The Ballad of Jed Clampett“, und an die Verwendung des „Foggy Mountain Breakdown“ von 1949 mit Scruggs’ rasantem Banjo-Picking im New-Hollywood-Klassiker „Bonny and Clyde“ (1967).

Die Gruppe zerbrach 1969, Flatt und Scruggs haben inzwischen beide das Zeitliche gesegnet – Scruggs erst 2012 –, aber ihre Musik hat nach wie vor leidenschaftliche Bewunderer. Und Nachahmer. Die Earls of Leicester haben für ihre Platte 14 Titel gewählt, die allesamt von den Foggy Mountain Boys meist in den 1950er Jahren bei Columbia aufgenommen worden sind und seit geraumer Zeit auf CD vorliegen. Die Earls bleiben bei ihrer Interpretation ganz nah an diesen Originalen dran. Bandleader/Produzent Jerry Douglas, hochdekorierter Dobro-Meister und Teil von Alison Krauss’ Gruppe Union Station, schwärmt ja auch über die Initialzündung, als er mit Fiddler Johnny Warren (Sohn von Foggy Mountain Boy Fiddlin’ Paul Warren) und Charlie Cushman (Banjo und Gitarre) bei einer Session zusammenspielte, wie folgt: „Das Banjo, die Fiddle und der Dobro kamen so zusammen, daß es sich genauso anhörte, wie vor so vielen Jahren, als ich zum ersten Mal Flatt & Scruggs gesehen habe.“ Als dann die Earls of Leicester mit Tim O’Brien (Mandoline und Gesang), Barry Bales (Baß und Gesang) und Shawn Camp (Leadgesang und Gitarre) qualitativ hochwertig komplettiert waren, mußten alte Instrumente her, die so gestimmt wurden wie zu Zeiten der Foggy Mountain Boys. Sogar Paul Warrens angebliche Stainer-Violine, die auf so vielen Flatt & Scruggs-Aufnahmen zu hören ist, haben die Earls eingesetzt.

Das Dusville-Urteil:

Was bei den Aufnahmen in einer ehemaligen Kirche in Nashville herausgekommen ist, klingt eingestandenermaßen musikalisch wie klangtechnisch wirklich gut, vom anfahrenden „Big Black Train“ als erstem Titel, über „Dig a Hole in the Meadow“ und „I won’t be hanging around“ bis zum abschließenden „Who will sing for me“. Und wenn dieses Flatt & Scruggs-Projekt tatsächlich, wie von Jerry Douglas selbst suggeriert, dazu führt, daß sich ein jüngeres Publikum mit den großen Vorbildern von Douglas & Co. beschäftigt: wunderbar! Aber es ist gleichzeitig zu hoffen, daß die virtuosen Earls of Leicester in Zukunft Material einspielen, bei dem sie sich die ihrem Können gemäße künstlerische Freiheit gönnen, denn für sich genommen ist ihr Debüt einfach zu wenig originell. Wer Flatt & Scruggs hören will, kann schließlich gleich zu den schönen Originalaufnahmen greifen.

Die Dusville-Wertung:

Musik 8/10

Klang 8/10

Ausstattung 7/10

Relevanz 5/10

Gesamt 7/10

(HD)CD The Earls of Leicester, The Earls of Leicester, Rounder, 11661-35772-02, 2014.

Aufgenommen von Bil VornDick in Studio A von Ocean Way Nashville.

Spieldauer: 38:11

Track List:
1. Big black Train
2. Don’t let your Deal go down
3. I’ll go stepping too
4. Shuckin’ the Corn
5. Till the End of the World rolls ‘round
6. Dig a Hole in the Meadow
7. Some Old Day
8. I won’t be hanging around
9. I don’t care anymore
10. On my Mind
11. You’re not a Drop in the Bucket
12. Dim Lights, Thick Smoke
13. The Wandering Boy
14. Who will sing for me