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Düsseldorf: Hilfe, Hbf!

Von Ingo Schiweck

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof mit seiner direkten Umgebung ist wirklich ein außergewöhnlich unwirtlicher, dreckiger und häßlicher Ort: Wer dort eintrifft, bekommt den denkbar schlechtesten Eindruck von Düsseldorf und möchte die Stadt möglichst schnell wieder verlassen. In den vergangenen Wochen haben Abrißarbeiten an der Südwestseite des Gebäudes den Aufenthalt für die 250.000 Reisenden, die hier täglich kürzer oder länger weilen, noch unattraktiver als sonst gemacht. Und nicht nur deren Aufenthalt, sondern auch ein Stück Düsseldorf. Attraktive historische Substanz ist verlorengegangen – sicherlich nicht vergleichbar mit dem Verlust der nur unter heftigem Bürgerprotest abgerissenen Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs in den Jahren 2010–12, aber ein bißchen Aufregung hätte man sich darob denn doch gewünscht. Zumal fraglich ist, ob etwas Erstrebenswertes an die Stelle des Abgerissenen tritt, etwas, das den Aufenthalt in der Bahnhofsgegend wirklich angenehmer macht.

Der in den Jahren 1932 bis 1936 errichtete Hauptbahnhof der Altbiermetropole war von Beginn an nicht unumstritten. Dem langgestreckten sachlichen Backsteinbau mit dem markanten Uhren- und ehemaligen Wasserturm mußte der neobarocke Vorgänger weichen. Der war zwar erst 1891 eröffnet, aber schon lange als zu klein kritisiert worden. Düsseldorfer Architekten hatten nun auch an dem Entwurf von Eduard Behne für den Neubau so einiges auszusetzen, doch der Protest blieb weitgehend unberücksichtigt. So kam es zu Abriß und Neubau, aber keine drei Jahre nach Fertigstellung des neuen Düsseldorfer Bahnhofs begann der Zweite Weltkrieg, und damit wurden alliierte Flieger regelmäßige Gäste im Düsseldorfer Luftraum. Der frischerrichtete Bahnhof wurde stark zerstört. In den 1950er Jahren erfolgte der Wiederaufbau. Umfangreiche Umbauarbeiten in den 1980er Jahren machten aus dem Hauptbahnhof dann ein Renommierobjekt der Bundesbahn, was man dem Bau heute – trotz einiger späterer Kosmetik – nicht mehr anmerkt. Bei den Umbauaktivitäten, die nicht viel Altes verschonten, blieb zumindest die Fassade erhalten, die dann auch gleich 1985 in die Denkmalliste aufgenommen wurde. Die Lieblosigkeit im Umgang mit der historischen Substanz des Gebäudes fand in der Ignoranz jeglicher planerischer und ästhetischer Ansprüche auf dem Bahnhofsvorplatz ein Geschwisterchen. Die dauerhafte Plazierung von häßlichen Verkaufscontainern vor dem Haupteingang des Gebäudes kann stellvertretend dafür genannt werden.

Prominentestes Opfer der aktuellen Abbrucharbeiten am Hbf Düsseldorf ist die ehemalige Wache der Bundespolizei mitsamt der benachbarten eleganten Eckrundung, die sie mit dem Bahnhof verband. Diese historischen Backsteinbauten sind leider in den 80er Jahren explizit nicht mit unter Denkmalschutz gestellt worden, obwohl sie stilistisch und von der Ausführung her hervorragend an den Bahnhof anschlossen. Für den Eigentümer der für die Deutsche Bahn AG „nicht mehr betriebsnotwendigen Liegenschaft“, wie es auf beamtendeutsch heißt, ist dieses aus Sicht des Historikers beklagenswerte Versäumnis ein Glücksfall. Obwohl: Auch Düsseldorfer Denkmalschutz hätte ja nicht unbedingt tatsächlich geschützt, wie wir spätestens seit dem Abriß des Tausendfüßlers wissen. Der Eigentümer, das ist übrigens seit Ende 2007 nicht mehr der Bund, sondern die börsennotierte Immobiliengesellschaft CA Immo. Diese Gesellschaft ist zum Beispiel mitverantwortlich für ein Projekt wie den Frankfurter Büroklotz Tower 185, in dem das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PwC seine Deutschland-Zentrale hat, oder das ebenfalls in Frankfurt am Main angesiedelte Einkaufszentrum Skyline Plaza – laut FAZ der „Geheimtipp für alle, die freundlich bedient werden und in Ruhe einkaufen wollen“, wobei die Betonung zum Mißvergnügen vieler Einzelhändler auf „Ruhe“ liegt.

Campino in Buenos Aires
Schon historisch: Die ehemalige Wache der Bundespolizei und die elegante Rundung sind inzwischen ganz abgerissen worden. (Foto: Ingo Schiweck)

CA Immo spekuliert jetzt auf eine Umgestaltung des gesamten Düsseldorfer Bahnhofsvorplatzes. Ihr bislang nur für Bahnzwecke nutzbares Grundstück will sie entwidmen lassen, Anfang 2016 könnte ein Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Areals ausgeschrieben werden. Wir erinnern uns aber: Schon 2005 hatten sich 20 Teams an einem Planungswettbewerb zur Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes beteiligt. Das sensationelle Ergebnis damals, so die Stadt Düsseldorf: „Der von der Stadt ausgeschriebene Wettbewerb zur Neugestaltung des Konrad-Adenauer-Platzes hat zu keinem Ergebnis geführt.“

So wünschenswert eine Umgestaltung der direkten Umgebung des Bahnhofs auch ist: Nach 18 Uhr verwaiste Büros und überflüssige zusätzliche Konsummöglichkeiten, wie sie angesichts der Involvierung eines Unternehmens wie CA Immo befürchtet werden müssen, wären kein städtebaulicher Gewinn und würden wie eine zusätzliche Verhöhnung der geopferten Bauten wirken. Bange fragen wir uns auch, welche architektonische Zumutung uns bei einer Umgestaltung wohl erwartet: Micky-Maus-Architektur wie im Falle des Kö-Bogens, eine Kopie osteuropäischer Aufmarschplätze wie bei den Düsseldorf Arcaden oder vollkommen gesichtslose Bauten wie die Bilker Höfe? Verwaltung und Politik in Düsseldorf haben es bis zu einem gewissen Grad mit in der Hand, ob es in Zukunft eine positive Erfahrung ist, in der NRW-Landeshauptstadt mit dem Zug einzutreffen. Diejenigen, die an den städtischen Hebeln sitzen müssen sich aber ihrer Einflußmöglichkeiten bewußt sein und verantwortungsvoll von ihnen Gebrauch machen – zugunsten eines lebenswerten Düsseldorfs.