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CDs: Soul to Soul

Von Ingo Schiweck

„Scheiße, sieht der gut aus“, muß ich oft denken, wenn ich Fotos oder Filmaufnahmen von Sam Cooke sehe. Daß besonders Frauen aller Hautfarben dem US-Sänger zu Füßen lagen, als er Anfang der 1960er Jahre ein Superstar war, kann ich sehr gut nachvollziehen. Und im Gegensatz zu vielen heutigen Gesangsstars sah Cooke nicht nur gut aus, sondern er sang zudem tatsächlich großartig und schrieb auch noch selbst ewig frische Hits wie „You send me“, „Chain Gang“ oder „A Change is gonna come“. Daß er als Schwarzer im Amerika der Rassentrennung immer wieder Demütigungen ausgesetzt war – auch nachdem er große mediale Bekanntheit erlangt hatte –, wird oft vergessen. Und wie sehr er als erfolgreicher schwarzer Unternehmer ganz praktisch die Ziele der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gelebt und damit unterstützt hat, ist vielen auch nicht bewußt. Drei vor kurzem erschienene CD-Veröffentlichungen erinnern nun wieder daran, daß der Mann, der in den USA als Sänger bis zu seinem frühen Tod Ende 1964 zwei Dutzend Top-40-Hits gehabt hat, Gründer und Leiter einer eigenen Plattenfirma namens SAR Records war.

„SAR“ stand für Sam und seine Partner J. W. Alexander und S. Roy Crain; gemeinsam hatten sie schon den Musikverlag Kags Music gegründet. Der Ausstoß des in Los Angeles beheimateten Labels begann 1959 – im Jahr, in dem Berry Gordy in Detroit das Motown-Label gestartet hat. Den Anfang bei SAR Records machten Aufnahmen der Soul Stirrers, also der Gospelgruppe, deren sensationell attraktiver Leadsänger Cooke gewesen war, bevor er sie 1957 als 26jähriger verließ, um mit säkularer Musik ein breiteres Publikum zu erreichen. Die einflußreiche Gruppe, deren Geschichte bis in die 1920er Jahre zurückreicht, war eine der ersten auf der Gospeltour gewesen, die von reinem A-cappella-Gesang auf Instrumentalbegleitung umgestiegen waren. Die Doppel-CD mit ihren SAR-Aufnahmen, „Joy in my Soul“ betitelt, zeigt sehr schön, wie der Produzent Sam Cooke seinen alten Kollegen nun zum Teil auch Streicher („God is standing by“) und eine Querflöte („Oh Mary, don’t you weep“) verpaßt hat. Cooke diente den fünf Soul Stirrers sogar weltliches Material an, so nahmen sie den Nat-King-Cole-Hit „Looking Back“ aus dem Jahr 1958 auf. Und aus dem wenige Monate vorher bei SAR Records von den Simms Twins aufgenommenen „Soothe me“ – bekannter sind die Einspielungen von Cooke selbst und die des Soul-Duos Sam & Dave – wurde im September 1961 der Gospelsong „Lead me Jesus“.

Wie umgekehrt mit teilweise nur geringfügigen Veränderungen aus Gospelsongs Produktionen wurden, die auf die R&B- und Pop-Charts zielten, kann man anhand der zweiten SAR-CD nachvollziehen. Titel: „The Valentinos. Lookin’ for a Love“. Die Valentinos waren eigentlich die fünf Brüder Womack, die, wie zuvor Sam Cooke selbst, durch die Lande reisten und mit Gospel-Auftritten einigermaßen über die Runden kamen. Ihre ersten Aufnahmen bei SAR 1961 waren auch reine Gospelsongs. Im Jahr darauf wurde aber aus ihrem „Couldn’t hear nobody pray“ der Charterfolg „Lookin’ for a Love“ (Billboard R&B #8, Pop #72). Dessen Neueinspielung von 1973 sollte sich als Bobby Womacks größter Solo-Soulhit entpuppen. Auf der Rückseite der Single von 1962: „Somewhere there’s a Girl“, kurz zuvor noch „Somewhere there’s a God“ geheißen. Und die Womack Brothers nannten sich dazu nun popmarktgerechter „The Valentinos“. Musikgeschichtlich ebenfalls interessant: Das von Bobby und seiner Schwägerin Shirley Womack geschriebene „It’s all over now“ wurde in der von den Valentinos aufgenommenen Version in den Charts gestoppt, als die Rolling Stones ihre etwas countryeske und zugleich aggressivere Fassung lancierten. Für die Stones bedeutete das Lied 1964 den ersten Nummer-eins-Hit in Großbritannien; in den USA stieg die Single immerhin bis auf Platz 26. Der wütende Bobby Womack wurde mit einem saftigen Tantiemenscheck besänftigt. Etwa zur gleichen Zeit heiratete Womack Sam Cookes Witwe Barbara, bald darauf startete er seine Solokarriere.

Zu einer solchen Karriere hat es bei L. C. Cooke, Sams jüngerem Bruder, nie gereicht. Der SAR-Chef hat L. C. eine Reihe von Aufnahmen machen lassen, aus denen – nach Single-Veröffentlichungen – ein Album werden sollte. Das hat aber, mit Bonustiteln, erst jetzt in Gestalt der dritten CD der SAR-Reihe, „L. C. Cooke. The Complete SAR Records Recordings“, das Licht der Welt erblickt. Der heute über 80jährige L. C. besaß eine Stimme, die einen unweigerlich an die seines musikalisch bedeutend interessanteren und vom Aussehen her attraktiveren Bruders erinnert. Damit hat er immer wieder – gefühlt manchmal auch nur knapp, wie bei „Sufferin’“ oder „Put me down easy“ – an einem Erfolg vorbeigesungen. Die von ihm aufgenommenen Songs gehören leider allesamt nicht zu den besten SAR-Produkten, von denen wir dagegen auf den beiden anderen CDs genug finden.

L. C. Cookes Aufnahmen blieben so lange in den Archiven, weil mit dem unwürdigen gewaltsamen Tod von Bruder Sam in einem Motel auch die SAR-Records-Geschichte endete. 50 Jahre nach dem Untergang von SAR Records muß man leider feststellen: Die USA haben immer noch ein ernstes Rassismusproblem, und in der Welt der Plattenfirmen sind schwarze Entscheider nach wie vor unterrepräsentiert.

Das Dusville-Urteil:

Knallharte Sam-Cook-Fans wollen alle drei SAR-CDs haben. Sie bringen neben einem noch mal etwas aufpolierten Klang und schönen Booklets mit Texten von Bill Dahl bzw. Cooke-Biograph Peter Guralnick eine ganze Reihe von Aufnahmen, die auf dem 2-CD-Set „Sam Cooke’s SAR Records Story 1959-1965“ von 1994 nicht enthalten oder sogar noch unveröffentlicht waren. Besser bei der „SAR Records Story“: Die bedeutend stärkere Berücksichtigung von „studio chatter“. Normalerweise sind die Sprachschnipsel aus den Aufnahmesessions ja belanglos, hier aber erkennt man, wie sehr Sam Cooke der Chef war und wie genau er artikuliert hat, was er von seinen Künstlern (hören) wollte. Wenn die dann umsetzten, was Cooke sich vorgestellt hatte, kam zur Belohnung eine solide produzierte Platte dabei heraus. Hörer, die nicht zu den riesigen Cooke-Fans zählen, können mit Gewinn besonders zum Soul-Stirrers-Set, aber auch zu der Valentinos-CD greifen. L. C. Cookes Aufnahmen sind dagegen eher verzichtbar.

Die Dusville-Wertung:

                            The Soul Stirrers      The Valentinos     L. C. Cooke

Musik                            8/10                              6/10                         4/10

Klang                             7/10                              7/10                         7/10

Ausstattung               9/10                              9/10                        6/10

Relevanz                      7/10                              7/10                        4/10

Gesamt                         8/10                              7/10                        5/10

 

Doppel-CD The Soul Stirrers, Joy in my Soul, ABKCO, 8257-2, 2014. Liner Notes von Bill Dahl

CD The Valentinos, Lookin’ for a Love, ABKCO, 8259-2, 2014. Liner Notes von Bill Dahl

CD L. C. Cooke, The Complete SAR Records Recordings, ABKCO, 5050-2, 2014. Liner Notes von Peter Guralnick